Von fremden Ländern und vom Fremdgehen

Moritzburg Festival bereitet musikalisch-emotionalen Höhepunkt

Robert Schumanns »Von fremden Ländern und Menschen« stand zwar nicht auf dem Programm des Sonntagskonzertes beim Moritzburg Festival, dennoch erzählte die Musik davon, nicht erst in Johannes Brahms‘ Rondeau alla Zingarese.

Schon Robert Schumann entführt seine Zuhörer in emotionale Weiten. In vielen Werken, wie seinem zweiten Klaviertrio (Opus 80 / F-Dur), verwendete der Komponist statt der üblichen Bezeichnungen (Allegro, Andante …) umschreibende Attribute wie »Mit innigem Ausdruck« oder »In mäßiger Bewegung«, oft sogar in einschränkender Form (»Nicht zu rasch«). Vielleicht wollte er, daß die Spieler sich weniger nach Metronom und Charakter richten, sondern ihrem inneren Empfinden folgen. Wu Qian (Klavier), Kai Vogler (Violine) und Bruno Philippe (Violoncello) fanden in diesem Inneren nicht nur zusammen, sondern brachten das Kunststück zustande, in einem festen Verbund ihre musikalische Auffassung und Individualität zu wahren. Nach dem aufjubelnden Beginn gefiel – einmal mehr! – Bruno Philippe mit seinem betörend schönen, warmen Grundton, kurz darauf ergab sich ein reizvoller Kontrast, als Wu Qian am Klavier dem von der Violine vorgegebenen Motiv folgte – während diese gediegen singt, verändert sich das Motiv durch das perlende Staccato im Charakter beträchtlich, wiewohl in der Notenfolge kaum verändert. Das Spiel zwischen Violine und Violoncello wiederum hatte die Innigkeit eines intimen Gesprächs.

Mit solchen Details wartet Wolfgang Amadé Mozarts Klarinettentrio KV 498,  das sogenannte »Kegelstatt-Trio«, nicht auf, dafür aber mit mancher virtuoser Überraschung. In Moritzburg gab es dazu die Besetzungsüberraschung, denn statt der Klarinette spielte Albrecht Mayer die erste Stimme auf der Oboe, Jan Vogler wiederum hatte den Viola-Part mit dem Cello übernommen. Vor allem hinsichtlich des Blasinstruments ergab sich daraus ein vollkommen anderer Charakter – weniger frech und keck, dafür charmanter. Das erinnerte zuweilen ein wenig an August Klughardts »Schilflieder« (derweil Klughardt selbstverständlich der Romantischen Epoche zuzuordnen ist). An Ausgewogenheit mangelte es dem Trio (mit Louis Lortie / Klavier) allerdings ebensowenig wie an Raffinesse. Bestechend war Mayers Gesanglichkeit, die aus Mozart gar ein duftiges Zuckerbäckerwerk – vom größten Meister selbstverständlich – machte.

Mit einem stimmungs- und schwungvollen Klassiker ging das Konzert nach der Pause weiter: Johannes Brahms‘ erstes Klavierquartett (Opus 25 / g-Moll) dürfte eines der meistgehörten Stücke in Moritzburg sein – man wird seiner indes auch nimmer müde, vor allem, wenn es so mit veritabler Eleganz in Verbindung mit zunehmendem Temperament präsentiert wird. Louis Lortie, Mira Wang (Violine), Matthew Lipman (Viola) und Christian Poltéra (Violoncello) bezogen aus den Wogen (des oft im wiegenden Rhythmus geschrieben Werkes) eine sehnsuchtsvolle Leidenschaft, die – wie zuvor – die einzelnen Spieler nicht verbarg. Gerade die dunklen Stimmen von Violoncello (herrlich volltönend) und Viola (mit Subtiler Rauhheit) sorgten für viele Akzente im Gegenüber zu den virtuosen Partnern, die sich nicht erst im herrlichen Rondeau zu überbieten schienen – hier wurde es »fetzig«, ohne daß das Werk in Stücke ging!

16. August 2021, Wolfram Quellmalz

Eine von Albrecht Mayers schönsten Aufnahmen: »Schilflieder«, mit Tabea Zimmermann, Marie-Luise Neunecker und Markus Becker, erschienen bei Decca (2011)

Heute: 19:00 Uhr, Öffentliche Probe, Evangelische Kirche Moritzburg

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