Zwischen verzagt und lebensfroh

Kreuzchorvesper am Todestag von Heinrich Schütz

Wenn der Kreuzchor zu erleben ist, kommen die Besucher gewöhnlich in Scharen. Vielleicht noch mehr, wenn er ein Programm mit Stücken Heinrich Schütz‘ singt (was leider selten vorkommt). An Schütz‘ Todestag am Sonnabend standen gar ausschließlich Werke des Sagittarius auf dem Programm. Da hieß es, sich in eine lange Warteschlange einreihen. Rechtzeitig drin waren alle, die Kreuzkirche hatte beide Emporen bis nach oben geöffnet. Die Wartezeit ist hier ohnehin weniger lang als anderswo, weil sich in der Gemeinde der Wartenden bereits viele Gespräche entspinnen.

November und der drittletzte Sonntag des Kirchenjahres bedeuten eine gedankliche Hinwendung an die letzten Dinge, an Sterblichkeit und Abschied. Die Kreuzvesper fand aber außerdem im Rahmen des Themenfestivals »Vom Leben – über Leben« statt, insofern gehörten vor allem dem Leben zugewandte, stärkende Texte zur Vesper.

Dabei galt es, einen Ruhepunkt, Halt zu finden, Verinnerlichung zuzulassen. Die Auswahl konzentrierte Kreuzkantor Roderich Kreile auf Werke wie das vitale, kraftvoll erklungene »Herzlich lieb hab ich dich, o Herr« (aus Geistliche Chormusik, Nr. 19, SWV 387), »Aus der Tiefe ruf ich, Herr, zu dir« (Psalmen Davids, Nr. 4, SWV 25), wohl einem der berührendsten Texte und Vertonungen, sowie »Herr, auf dich traue ich« (Geistliche Chormusik, Nr. 9, SWV 377). Natürlich spürt man auch beim Kreuzchor derzeit noch ein Defizit, die fehlende Übung und Praxis der letzten Monate, und sei es, weil hier und da die geschlossene Form nicht ganz so sicher wirkte. Manches, wie SWV 25, gelang sehr gut, unglücklich jedoch wirkten gerade die zu Beginn und am Ende präsentierten »Herr, der du vormals gnädig warst« (85. Psalm, SWV 182a) und »Gott, unser Herr« (Psalm 50, SWV 147a) aus dem Beckerschen Psalter. Die Kruzianer der Klassen 4 und 5 und die Männerstimmen fanden hier zu keinem homogenen Gefüge, gerade die Stimmen der Jüngsten wirkten unsicher und (vor allem am Ende) unangenehm schrill. Sind solche Unsicherheiten nicht vorhersehbar? Zumindest schien die Zusammenstellung in diesem Punkt mehr als unglücklich.

Außerordentlich schön war dagegen, wie ein innerer Kern der Vesper, der Mittelteil mit drei solistischen Stücken: »Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen« (SWV 290) mit den Kruzianern Karl Pohlandt (Tenor) und David Friedemann Bräunig (Baß), das besonders gelungene »Bringt her dem Herren« (SWV 283, wie zuvor aus Kleine geistliche Konzerte I) mit Jonathan Seifert (Altus) sowie »Ich beuge meine Knie« (SWV 319, aus Kleine geistliche Konzerte II) mit Paul Erbrich und Justus Helke (Baß I und II). Für SWV 283 und 319 war Karl Pohlandt zudem an die Continuo-Orgel gewechselt (zuvor Kreuzkantor Roderich Kreile). Und auch der Gemeindegesang (EG 276 »Ich will, solang ich lebe«) hatte sich auf einen Satz aus Heinrich Schütz‘ Feder gestützt.

Kreuzkirchenpfarrer Holger Milkau erinnerte am Todestag Heinrich Schütz‘ an diesen als Friedensstifter, an einen, der in Zeiten des Niedergangs und der Krise, da die Kultur – wie heute in pandemischen Zeiten – immer zuerst bedroht ist, für Erhalt sorgte.

Kreuzorganist Holger Gehring hatte den Einzug begleitet und vor dem Mittelteil aus Matthias Weckmanns Praeambulum Primi Toni, Hans Leo Hasslers Canzon und der Phantasia ex D von Weckmann mehr als nur eine Überleitung zwischen großem Chor und Soli geschaffen. Beeindruckend war gerade Weckmanns Lichtgehalt, während Hassler eher für Verinnerlichung stand. Musikalisch-thematisch außerordentlich gelungen war somit die Brücke zwischen Totenandacht (vor dem Gemeindegesang war noch »Selig sind die Toten« / Nr. 23 aus der Geistlichen Chormusik, SWV 391, erklungen) und dem Motto »Vom Leben – über Leben«.

7. November 2021, Wolfram Quellmalz

Die nächste Kreuzvesper gestalten das Collegium Canticum Novum (Leitung: Matthias Mücksch), Wolfram Hoppe (Orgel) und Superintendent Christian Behr (Liturg) am kommenden Sonnabend, 13. November, am Sonntag, 14. November, singen der DresdnerKreuzchor und das Vocal Concert Dresden Johannes Brahms‘ »Ein deutsches Requiem« (Dresdner Philharmonie, Leitung: Kreuzkantor Roderich Kreile). Weitere Informationen: http://www.kreuzkirche-dresden.de

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