Die große Welle blieb aus

Dirigent Krzysztof Urbański blieb im Konzert mit der Dresdner Philharmonie deutlich hinter den Erwartungen zurück

Wenn der aktuelle Palastorganist Olivier Latry nach Dresden kommt, zieht er mehr als nur die Orgelfreunde an. Am Wochenende kamen wieder einige Familien mit ihren Kindern in den Kulturpalast. Allerdings sind manche von ihnen vielleicht enttäuscht worden, denn diesmal gab es weniger vom Titularorganisten von Notre-Dame zu hören als gewohnt. Das lag nicht zuletzt am Stück, Pascal Dusapins »Waves« für Orgel und Orchester. Fast auf den Tag genau zwei Jahre liegt dessen Uraufführung in der Elbphilharmonie zurück, auch Olivier Latry hat das Werk mittlerweile mehrfach gespielt.

Ursprünglich sollte »Waves« sogar eine Oper werden, die Idee entlehnte Pascal Dusapin bei Virginia Woolfs gleichnamigem Roman. Deren Werk verbindet viele Ebenen bis hin zu emotionalen, sinnlichen Wahrnehmungen – als experimenteller Opernstoff scheint es durchaus geeignet, als Konzertwerk verliert es sich allerdings etwas in den vielen (Handlungs)strängen und mitunter in kleinteiligen Verästelungen. Dabei sind Orchester- und Orgelpart fein miteinander verwoben, verschieben sich Aspekte und melodische Gewichtung oder der »Redestrom«. Während anfangs gerade Blechbläser auch für jazzige Einsprengsel sorgen, webt die Orgel an einem Hintergrund, aus dem sie immer wieder hervortritt. Es gibt grelle Reflexe, Veränderungen auf kleinstem Raum, ein Schwerpunkt scheint dabei in der Stimmung zu liegen. Dennoch konnte das Werk mit seinem vielgliedrig unbestimmten »Wohin?« nicht überzeugen. Vielleicht lag es einfach daran, daß Dirigent Krzysztof Urbański innere Bezüge nicht ausreichend offenlegen konnte, nicht für Spannungsbögen sorgte?

Noch deutlicher wurde dies im zweiten Stück des Abends, Antonín Dvořáks neunter Sinfonie. »Aus der neuen Welt« ist nicht nur ein Publikumsliebling und -magnet, es gehört zu jenen Werken, für die Konzertbesucher viele Vergleichsbeispiele haben. Und die zeigten schlicht einen Mangel an Zusammenhalt und Maß, selbst wenn manche Details schön ausgestaltet waren, wie das unterschiedliche Vibrato von hohen (wenig) und tiefen Streichern (viel), womit durchaus Sinnlichkeit entstand. Auch die Balance zwischen Bläsern und Streichern war im Tutti intakt, weshalb Isabel Kern (solo Englischhorn) allerdings seitlich vom Rang aus spielen mußte, blieb musikalisch wahrlich schleierhaft und sorgte für einen indirekten Klang. Die kleinen Zäsuren im langsamen Satz nahm Urbański als Pausen, fast schon Generalpausen, womit der den melodischen Fluß brach. Vor allem aber fehlte der Sinfonie die Lebendigkeit – ob nun »böhmisch« oder >amerikanisch« – Spontanität und der Zusammenhalt und das Gegenüber der Instrumentengruppen. Mag Krzysztof Urbańskis Dirigat choreographisch reizvoll, tänzerisch scheinen – eine Verbindlichkeit ließ es missen.

16. Januar 2022, Wolfram Quellmalz

Das Konzert wurde auf takt1 übertragen und kann dort weiterhin in der Mediathek angesehen werden. Am kommenden Sonnabend stehen Franz Liszts erstes Klavierkonzert mit dem Pianisten Bertrand Chamayou sowie Josef Suks zweite Sinfonie auf dem Programm der Dresdner Philharmonie. Dirigent ist Dima Slobodeniouk. (Konzerte am 22. Januar, 19:30 Uhr und am 23. Januar, 18:00 Uhr, weitere Informationen unter: http://www.dresdnerphilharmonie.de)

Schreiben Sie einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Verbinde mit %s