Alles andere als normal

Kreuzchorvesper mit Uraufführung und Gedanken an die Ukraine

Zu einer außergewöhnlichen Vesper begrüßte Superintendent Christian Behr am Sonnabend die Gemeinde in der Dresdner Kreuzkirche, und schloß die Frage an, was in dieser Zeit noch »gewöhnlich« wäre. Nicht nur Corona hatte wieder einen spürbaren Einfluß, die Gedanken aller waren bei den Vorgängen in der Ukraine. Dies, fügte Kreuzkantor Roderich Kreile hinzu, versetze einen in ein Gefühl der Hilflosigkeit und führe zur Frage, was man tun könne. Wenig, resümierte Kreile, aber Spenden könne man, und sie als Musiker hätten das Mittel, Botschaften in der Welt zu verstärken. In diesem Sinne fand die Kreuzchorvesper zugunsten für die Betroffenen des Ukraine-Krieges statt. Der Erlös der Programmgebühren sowie die gesammelte Kollekte gingen an den Partnerschaft mit Osteuropa e. V., einen seit 1991 bestehenden Verein, der schon seit 2009 Projekte in der Ukraine betreut. Zuletzt hatte er am 8. März Hilfsgüter zu einem Kinderheim nach Krakowez gebracht, wo derzeit 210 Kinder und Jugendliche untergebracht werden müssen – vorgesehene Plätze im Haus gibt es 60.

Botschaften in der Welt verstärken, ein Zeichen setzen, dies ist gelungen. Mit dem gesammelten Erlös (sowie jenem aus dem Orgel-Benefiz am Freitag der Vorwoche) soll schon am 26. März der nächste Hilfstransport Partnerschaft mit Osteuropa e. V. nach Krakowez starten.

Ein Gewinn lag auf der musikalischen Seite – mit 3G, aber ohne große Lücken konnten die Besucher bis in die Emporen wieder einmal den Kreuzchor erleben. DEN Dresdner Kreuzchor, nicht nur ein paar der Sänger aus bestimmten Klassen. Allein die Größe des Chores beeindruckt, der vielstimmige Klang verstärkt Botschaften.

Nicht zu vergessen: Wir sind in der Passionszeit. Roderich Kreile hatte zwei Motetten Heinrich Schütz‘ an den Anfang gesetzt: »Ach Herr, straf mich nicht in deinem Zorn« für zwei vierstimmige Chöre (SWV 24) sowie »Das ist je gewißlich wahr« für sechsstimmigen Chor (SWV 388). Die Bässe leuchteten aus dem musikalischen Fundament des Chores, die wogenden Stimmen durchdrangen einander, gerade SWV 24 entwickelte eine bestimmende Prägnanz. Daß es hier und da noch an Spannung fehlte, mag man angesichts der langen Zeit ohne »regulären Betrieb« verstehen. Die Botschaft jedoch setzte sich klar durch, so wie in Johann Sebastian Bachs »Komm, Jesu, komm« (BWV 229) mit seiner wunderbaren, den Choral ersetzenden Arie.

Am Freitag konnten noch ein anderes Projekt der Kreuzkirche fortgesetzt werden, ein Benefizkonzert für krebskranke Kinder, mittlerweile das 23. Zu den Partnern gehören Schülerinnen und Schüler des Jungen Sinfonieorchesters des Landesgymnasiums für Musik. Wie immer beteiligten sich einige von ihnen an der Kreuzvesper des folgenden Tages. Diesmal gab es – manches außergewöhnliche ist eben doch positiv – eine Suite für Saxophonquartett zu hören.

Einen Höhepunkt gab es gleich danach. Der Kruzianer Anton Matthes, 2005 geboren, ist manchen vielleicht noch aus dem Januar in Erinnerung, als Holger Gehring eine Orgelsonate des jungen Komponisten uraufführte. Nun stand Anton Matthes auch als Dirigent vor dem Kreuzchor und leitete die Uraufführung seiner eigenen Mottete – »Verleih uns Frieden« war in den letzten Wochen im Gedenken an die Opfer des Rußland-Ukraine-Krieges entstanden. Die vierstimmige Motette scheint unsere Fassungslosigkeit musikalisch in fallenden Linien aufzunehmen, unterstreicht die bekannten Worte aber auch. Darüber hinaus hat ihnen Anton Matthes eine zweite Strophe (»Gib Frieden, Herr, gib Frieden« nach Jan Nooter)hinzugefügt, die als Choral eine kraftspendende Wirkung verfügt.

Vor dem Gemeindegesang und dem abschließenden Ubi caritas von Maurice Duruflé schien Holger Gehring mit Felix Mendelssohns Präludium und Fuge d-Moll Opus 37 Nr. 3 diese kraftspendende Wirkung in eine lebensbejahende Stimmung umzuwandeln. Keinen lauten Jubel, aber eine innere Stärke hatte Mendelssohn formuliert und mit der Fuge gefestigt.

20. März 2022, Wolfram Quellmalz

Am kommenden Sonnabend vor dem Sonntag Laetare gestaltet die Capella Sanctae Crucis Dresden die Kreuzvesper. Auf dem Programm stehen Werke von Giovanni Alberto Ristori und Dieterich Buxtehude. Mitwirkende: Kreuzorganist Holger Gehring (Orgel / Leitung), Superintendent Christian Behr (Liturg), Solisten, weitere Informationen unter: www.kreuzkirche-dresden.de

partnerschaft-mit-osteuropa.de/

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