Mahler, Bruckner und Kußhändchen

Sopranistin Leonora Weiß-del Rio und GMD Jörg Pitschmann verabschiedeten sich im letzten Sinfoniekonzert der Mittelsächsischen Philharmonie

Leonora Weiß-del Rio ist den Opernbesuchern in Freiberg seit 2014 ans Herz gewachsen. Als Marschallin (Rosenkavalier), Lisa (Pique Dame) oder Mimí (La bohème) begeisterte sie dabei ebenso wie mit ihrer leidenschaftlichen Darstellung der Giorgetta (Puccinis »Il tabarro«). Im siebenten Sinfoniekonzert der Spielzeit am Mittelsächsischen Theater verabschiedete sie sich nun gemeinsam mit dem GMD Jörg Pitschmann, der das Haus ebenso verläßt, von ihrem Publikum.

Leidenschaft – sie ist nicht nur eine alles verzehrende Glut, hat viele Farben. Gustav Mahlers Rückert-Lieder, die nicht als geschlossener Zyklus angelegt sind, ordnete Jörg Pitschmann so, daß sie einerseits auf das zweite große Werk des Abends, Anton Bruckners fünfte Sinfonie, zuliefen, andererseits aber keine allzu simple Tendenz in der Stimmung (von »hell« nach »dunkel«) entstand. So blieb »Blicke mir nicht in die Lieder« noch ein wenig (versteckt) schelmisch. Der innewohnenden Lockung bewahrte Leonora Weiß-del Rio bis zur Schlußzeile (»Nasche du!«) das geheimnisvolle, um gleich darauf die Leidenschaft der Liebe bebend auszudrücken: »Ich atmet‘ einen linden Duft« erzählt nicht von Zusammentreffen, Erfüllung oder Kuß, sondern vom Duft der Linde, der sich subtil mit der Liebe verbindet – solche Schwebungen wurden am Donnerstag in der Nikolaikirche spürbar. »Um Mitternacht« erfuhr eine tragische, immer weiter sinkende Tiefe. Gerade das berührte – nach dem dritten der Lieder gab es spontanen Zwischenapplaus.

Jörg Pitschmann hatte hier längst begonnen, die instrumentalen Farben des Orchesters auszuleuchten und begleitete in unterschiedlichen instrumentalen Kombinationen – hierin trafen sich Mahler und Bruckner – den Wandel der Gefühle. Diese Bewahrung ging so weit, daß das Klavier (in der Partitur tatsächlich als Alternative vorgesehen) die Harfe, die man sonst meist hört, kongenial ersetzte. Aber auch die Holzbläser (Oboengruppe) fand immer wieder in sinnliche Duette mit der Sopranistin. »Liebst du um Schönheit« war das sicherlich innigste, zärtlichste der Lieder, bevor mit »Ich bin der Welt abhanden gekommen« der Moment der Abwendung (wie sich auflösender Dunst) dargestellt war. Nach kurzer Pause setzte ein herzlicher, langanhaltender Applaus ein – gern lassen die Freiberger ihre Sopranistin wohl nicht gehen.

Anton Bruckners fünfte Sinfonie ist ein musikalisches Monument. Doch keines, das – trotz typischer »Brucknerblöcke« – wie ein unbeweglicher, einnehmender Riese im Raum steht, sondern eines, das viele Facetten offenbart. Gerade die Fünfte ist voller kontrapunktischer Bezüge, die Ecksätze wiederum sind von Choralthemen durchzogen, die der Komponist in verschiedenen Instrumentengruppen erblühen läßt. Dem Pfingstchoral des letzten Satzes hatte die Mittelsächsische Philharmonie bereits am Beginn eine erfrischende Intrada vorausgeschickt und den Schlußchoral »Gloria sei dir gesungen« aus der Bach-Kantate »Wachet auf, ruft uns die Stimme« (BWV 140) vom Blechbläserchor des Orchesters auf der Empore erklingen lassen.

Jörg Pitschmann breitete noch einmal den ganzen Bruckner vor seinem Publikum aus – feine Pizzicato-Anfänge mit einsetzenden Singstimmen (immer wieder hob der GMD die Kantabilität heraus) waren dabei ebenso zu hören wie fragile, opake Momente des Verharrens (oder der Wandlung) und große, fugierte Instrumentengruppen, die sich – mit Stufenmaß – in wuchtige Tuttipassagen steigern konnten, punktuell durchsetzt mit packenden Energieschüben, wie im belebenden Tremolo der Violoncelli im dritten Satz. Den vierten krönten die herausgearbeiteten Fugenpassagen – fast hätte man zum Choral noch einen Chor erwartet! Noch einmal gab es langanhaltenden Applaus für den scheidenden GMD.

27. Mai 2022, Wolfram Quellmalz

Die neue Spielzeit des Mittelsächsischen Theaters mit vielen Opernvorstellungen, Konzerten und neuem GMD (Attilio Tomasello) beginnt im September. Zuvor ist das Orchester unterwegs und es gibt wie in jedem Jahr eine Produktion auf der Seebühne Kriebstein. Diesmal steht Franz Lehárs Operette »Der Graf von Luxemburg« auf dem Programm. Weitere Informationen unter: http://www.mittelsaechsisches-theater.de

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