Spiel mit den Formen

Konzert der Neuen Jüdischen Kammerphilharmonie Dresden im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele

Die Konzerte der Neuen Jüdischen Kammerphilharmonie Dresden (NJK) präsentieren Musik jüdischer Komponisten an vielen Orten. Nicht nur in Berlin, auch in Jerusalem und Tel Aviv war die NJK schon zu Gast – wohlgemerkt als Musikbotschafter Sachsens (und war Teil der Kampagne »so geht sächsisch«)!

Am Sonntagnachmittag zeigte sich zudem, daß die NJK in Dresden auf ein wachsendes Stammpublikum vertrauen kann – die Synagoge war bis auf den letzten Platz besetzt. Michael Hurshell schöpfte aus dem reichen Œuvre und förderte erneut erfrischendes zutage, gleichzeitig gab es eine Wiederbegegnung mit Komponisten, deren Musik bereits zu hören war: Ernest Bloch und Mieczysław Weinberg. Letzterem war das »Festkonzert in memoriam Mieczysław Weinberg« in besonderer Weise gewidmet.

Für den Auftakt sorgte das Concerto grosso Nr. 2 von Ernest Bloch. Sich auf frühere Zeiten und Formen zu besinnen, hat schon in vielen Werken zu neuen Ausdrucksvarianten geführt, allein deshalb, weil ein traditionelles Muster mit einer modernen Klangsprache ausgestattet wird. Bloch war da nicht nur keine Ausnahme, sondern geradezu ein Paradebeispiel, zum Beispiel den Wechsel von Tutti und Solisten neu zu interpretieren. Die NJK in diesmal ungewöhnlich großer Besetzungsstärke zirkelte die vier Sätze detailliert und verspielt aus, mit Yoko Yamamura-Litsoukov (Konzertmeisterin, sonst Konzertmeisterin der Elbland Philharmonie Sachsen) und Annekatrin Rammelt (Violinen), Sarah Praetorius (Viola) sowie Hans-Ludwig Raatz (Violoncello) fand das Orchester zu einer kontrastierenden Belebung, immer wieder aber hatte Bloch mit Fugen für einen spannenden Verlauf gesorgt. »Alt« und »neu« verbanden sich hier auf schöpferische Weise.

Mit Mieczysław Weinbergs Concertino für Violoncello und Orchester Opus 43, der Urfassung seines Violoncellokonzertes, präsentierte sich danach eine besondere Solistin: Friederike Herold ist noch Schülerin am Landesgymnasium für Musik, gehört als Jungstudentin aber auch bereits zur Musikhochschule. Sie lotete das Concertino melodisch und behutsam aus – weniger mit einer virtuosen Brillanz als mit einer Farbigkeit, die herb und süß in einer Stimmung zwischen melancholisch und wehmütig schwebte, beeindruckte ihr Ausdrucksvermögen. Das Werk ist in einem tragischen biographischen Kontext des Komponisten entstanden und schließt daher mit einem Adagio, das Allegro vivace, welches durchaus Finalqualität hatte, durfte schließlich noch einmal als Zugabe allein begeistern.

Die Musik Mieczysław Weinbergs ist es wert, noch weiter entdeckt zu werden. Vielleicht kann man dereinst auf den Zusatz, der Komponist sei ein Freund Schostakowitschs gewesen und von diesem unterstützt worden, verzichten. Michael Hurshell präsentierte dem Publikum zum Abschluß dessen zweite Sinfonie für Streichorchester. Auch hierin fanden sich Zwiegespräche zwischen Solisten und Orchester. Bemerkenswert war, wie die NJK diese immer gebunden hielt, was im Vergleich mit dem Concerto grosso des Anfangs besonders deutlich wurde. Gerade diese sinfonische Qualität stach am Sonntag bemerkenswert heraus. Sie war zudem Basis für subtile Färbungen, wie von den erregten Stimmen der Violen, die sich im ersten Satz fein abhoben. Der letzte, von Weinberg schlicht mit »Allegretto« betitelt, entpuppte sich als mehrteiliges Gebirge, das neben lichten Gipfeln auch dunkle Täler kannte – staunenswert! Es dürfte nicht das letzte Wort »in Sachen Weinberg« gewesen sein.

30. Mai 2022, Wolfram Quellmalz

(Der Artikel wurde bereits zu einem früheren Zeitpunkt veröffentlicht, ging aus technischen Gründen aber verloren und wurde heute noch einmal publiziert. Nachtrag vom 7. Juni)

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