Schubert trifft …

Francesco Piemontesi begann Residenz bei der Dresdner Philharmonie

Dreimal wird der italienische Pianist Francesco Piemontesi in dieser Spielzeit bei der Dresdner Philharmonie zu Gast sein. Seine Residenz begann am frühen Sonntagabend mit einem Klavierrezital im Dresdner Kulturpalast. Neben Franz Schubert standen Claude Debussy und Helmut Lachenmann auf dem Programm, welches aber vor allem durch einen geprägt blieb – Schubert. Schon die drei vom Pianisten ausgewählten Bilder aus den Images (zweites Buch) Claude Debussys – »Cloches à travers les feuilles« (Durch Laub hindurch klingende Glocken), »Et la lune descend sur le temple qui fut« (Und der Mond senkt sich über den vergangenen Tempel), »Poissons d’or« (Goldene Fische) schienen wie ein vorweggenommener Kommentar auf die folgenden Drei Klavierstücke D 946. Die Reihenfolge hatte Francesco Piemontesi dennoch bewußt »falsch herum«, also mit dem Kommentar zuerst gewählt, weil er fürchtete, die Spannung könne nach Schubert Debussys Feinheiten im Wege sein.

Francesco Piemontesi, Photo: © Marco Borggreve

Sacht ließ der Pianist die linke Hand sinken, kurz folgte Debussy einem Melodiebogen, bevor die Stimmung Oberhand gewann. Francesco Piemontesi zeigte sich von Beginn als willentlicher Gestalter, der die Feinheiten einer Kontur zugunsten eines (mitreißenden) Flusses auch einmal weniger detailliert ausgestaltete – nicht Artikulation allein war ihm wichtig, sondern ein kräftiger, gestalterischer Impuls. Und den fand Piemontesi sehr glaubwürdig, was in den Images das Hören ebenso vielschichtig gestaltete wie ein Sehen der entsprechenden Bilder – »sehen« wir das herumwirbelnde Laub oder steht es nicht vielmehr für den Wind, der es umhertreibt? Licht und Luft blieben bestimmende Kennzeichen, wenngleich man feststellen darf, daß es luzidere Interpretationen der Images gibt.

Franz Schubert hat sich der Pianist in den letzten Jahren immer wieder zugewandt, wie seine letzte Aufnahme – Francesco Piemontesi bringt nicht jährlich zwei CDs heraus, sondern konzentriert sich auf wesentliche Einspielungen – nachdrücklich beweist. Was den Blick des Interpreten aber keineswegs auf die Werke oder den Komponisten allein beschränkt. Die Drei Klavierstücke fügten sich insofern schlüssig an Debussy, weil Francesco Piemontesi in ihnen eines narrativen Elementes gewahr wurde, was es ihm erlaubt, die kleinen Dramen zu binden. Auch hier formte er als Gestalter stark aus, ein kleiner Triller (erstes der Stücke) funkelte bei ihm keck, beinahe spitz aus dem Verlauf. Solcher Überhöhungen gab es manche, und doch entstand nirgends das Gefühl, daß es Francesco Piemontesi übertriebe, »aus der Kurve flöge«.

Im Gegenteil blieb er beständig dabei, dem narrativen Element zu folgen, was ihm erlaubte, die jüngeren Kompositionen einzureihen, statt sie nur gegenüberzustellen. Helmut Lachenmanns frühe Fünf Variationen über ein Thema von Franz Schubert erwiesen sich so als reizvollen Miniaturen, Bespiegelungen, die so viel mehr boten, als allein einen Reflex auf Schubert. Vielmehr schien es, dieser treffe manche Kollegen: Schumann in der ersten Variation, Debussy in der dritten, Ligeti und Strawinsky in der vierten, bevor sich schließlich Schubert und Lachenmann begegneten.

Wie schon im ersten Teil schloß Francesco Piemontesi Schubert wieder fast bündig an. Nun stand die große Sonate B-Dur (D 960) auf dem Programm, in der sich verschiedene Ebenen aufspannten: dunkel und tiefgründig ließ sie Francesco Piemontesi nicht in den Abgrund sinken, glasklar, fast hart formte er die Konturen heraus, daß sie glitzerten, verdichtete im zweiten Satz dynamisch die Spannung. Auch die beiden Schlußsätze gewannen an Bezogenheit, beinahe so, als folge dem Scherzo das Trio nach oder ein zweites Scherzo, aus dem sich aber wieder – narrativ – ein Drama ergab.

Wohldurchdacht sind Francesco Piemontesis Programme bis zu den Zugaben: am Sonntag spendierte er dem Publikum das dritte Impromptu der ersten Serie (Ges-Dur) sowie Johann Sebastian Bachs »Wachet auf, ruft uns die Stimme« (aus der Kantate BWV 140) in der feinsinnigen Bearbeitung von Wilhelm Kempff.

19. September 2022, Wolfram Quellmalz

CD-Tip: Franz Schubert, Klaviersonaten D 958-960, Francesco Piemontesi (Klavier), 2 CDs, erschienen bei Pentatone

Der Residenzkünstler Francesco Piemontesi kehrt zurück: am 25. März 2023 spielt er in einem reinen Mozartprogramm das Klavierkonzert d-Moll (KV 466), Dirigent: Louis Langrée, am 2. Juni folgt Richard Strauss‘ Burleske für Klavier und Orchester (Dirigent: Marek Janowski).

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