Auferstehungsfest

Kreuzchor mit Bachs Matthäuspassion

(In der Osterzeit war viel los, weshalb der Text erst jetzt veröffentlicht werden konnte. Nun steht er am Beginn weiterer Passionsrückblicke.)

Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion (BWV 244) gehört fest ins Programm des Dresdner Kreuzchores. Gründonnerstag und Karfreitag gab es wieder zwei Aufführungen, die NMB waren bei der ersten dabei.

Traditionen, auch Aufführungstraditionen, können irgendwann an Bedeutung und schließlich ihre Selbstverständlichkeit oder Rechtfertigung verlieren, wenn sie nicht gepflegt werden und sich wandeln dürfen. Kreuzkantor Martin Lehmann steht seit seinem Amtsantritt gleich für beides: die Aufrechterhaltung und Besinnung auf die Traditionen des Kreuzchores sowie für den Weg der Suche und eines Aufbruches. Die Resultate waren schon bisher bemerkenswert, die Matthäuspassion blieb mit manchen Neuerungen keine Ausnahme. So besetzte Martin Lehmann fast alle kleineren Rollen mit Kruzianern. Das war teils völlig ungewohnt, erlebt man doch sonst zum Beispiel als Judas (»Bin ichs, Rabbi«) fast ausnahmslos nicht nur erfahrene, sondern ältere Sänger. Den Chor und seine Sänger solcherart in die Verantwortung zu nehmen, wertet ihn nur auf. Es sprach auch diesmal für das neue Selbstvertrauen der Choristen und trug zum großartigen Gesamteindruck bei.

»Kreuzigung Jesu«, Gemälde (1515 / 1516) von Albrecht Altdorfer (Gemäldegalerie Alte Meister, Kassel). Bildquelle: Wikimedia commons

Der begann mit einem flüssigen, packenden Dirigat. Die NMB hatten in den letzten Tagen und Wochen mehrfach Gelegenheit, die Passionen und ihre Wirkungen zu vergleichen, von Reinhard Keiser (https://neuemusikalischeblaetter.com/2023/03/31/auf-bachs-spuren/) bis Bach / Johannes (BWV 245, am Karfreitag, Artikel folgt morgen). Matthäus ist dramaturgisch sicher eine der aufwendigsten und spektakulärsten Passionen. Sie erfordert immer wieder einen großartigen Chor und ein ebensolches Orchester. Letzteres hat viele Funktionen zu übernehmen, muß begleiten, selbst hervortreten, sich in Stimmen aufteilen oder den Basso continuo darstellen. Martin Lehmann verstand es, diese Instrumentalisten einzubinden. Die Dramaturgie übertrug er stark auf die Sänger (Solisten und Chor). Daher spielten die Musiker der Dresdner Philharmoniker zum Beispiel im Tutti fast ohne Vibrato, in den Arien durften die Soloinstrumente (Violine, Oboe, Flöte …) allerdings vibrieren. Diese Akzentverschiebung (vor allem das senza vibrato des Orchesters) gefiel nicht jedem. Der Orchesterklang fiel im Vergleich schlanker aus, mache Gruppen (erste und zweite Violinen rechts / links getrennt) waren teils weniger gut zu hören. Dramaturgisch jedoch war es nachvollziehbar und gut – die Idee sollte Martin Lehmann beibehalten und weiterentwickeln.

Das Zusammenwirken aller war gleich zu Beginn zu spüren, als sich Chor und Choral sinnig und nachvollziehbar fügten. Die Nuancierung des Kreuzchores in den unterschiedlichen Passagen bzw. Szenen blieb während der gesamten Passion durchgängig stabil – ein Grund, weshalb das lange Werk (die Aufführungsdauer lag mit Pause bei drei und einer viertel Stunde) einen so lebendigen Ausdruck behielt.

Erfrischend gerieten auch die instrumentalen Duos wie von Oboe d‘amore (Undine Röhner-Stolle) oder Violinen (Konzertmeisterin Heike Janicke und Eva Dollfuß). Bei den Solisten sprang Robin Johannsen (Sopran), die für ein Konzert des Dresdner Kammerchores in Dresden war (unser Bericht folgt morgen) kurzfristig für Hanna Zumsande ein. Ihr zur Seite standen Marie Henriette Reinhold (Alt), Wolfram Lattke (Tenor), Jochen Kupfer (Baß / Jesus) und Daniel Ochoa (Baß / Pilatus / Arien). Das Quintett erwies sich insgesamt als stark, wobei Wolfram Lattke als Evangelist für manchen ebenfalls ungewohnt war. Sein außerordentlich heller Tenor war jedoch gut verständlich, vor allem gefiel seine starke Gestaltung der Rolle (noch bis zum eindrücklichen Zagen). Marie Henriette Reinhold ist derzeit ohnehin über jeden Zweifel erhaben, während Jochen Kupfer mit großer gestalterischer Präsenz einen bleibenden Eindruck hinterließ. Daniel Ochoa konnte in seiner Rolle den Erfahrungsschatz mit dem Kreuzchor mit Spontanität nutzen, allerdings wirkte er in manchen Arien (»Gebt mir meinem Jesum wieder« mit Eva Dollfuß kurz vor dem Schluß) etwas matt.

Im Wechselspiel der Beteiligten fiel diesmal besonders auf, wenn Szene bzw. Solisten und Chor emotional entgegengesetzt wirkten. Im Rezitativ »Oh Schmerz« schien der Chor die Erregung des Tenorsolos zu beruhigen, wenig später, im Duett Sopran / Alt und Chor (»So ist mein Jesus nun gefangen«) waren die Verhältnisse entgegengesetzt. Solche markant herausgearbeiteten Teile wirkten geradezu elektrisierend, ohne daß dabei jedoch der Zusammenhang wegen einer übermäßigen Betonung gerissen wäre.

Der Kreuzchor gestaltete außerdem die Ostermette und eine Vesper, nun macht er in den übrigen Vespern im April eine kleine Pause, am 6. Mai kehrt er wieder in die Kreuzkirche ein.

9. April 2023, Wolfram Quellmalz

Heute wird das Programm in der Kreuzkirche mit einem Orgelkonzert zu Osterthemen (Domorganist Sebastian Freitag) fortgesetzt.

http://www.kreuzkirche-dresden.de

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