Collegium 1704: »Singet dem Herrn«

Zweites Konzert der Musikbrücke Prag – Dresden in der Spielzeit 2017 / 18

Der November gilt – nicht nur im Kirchenjahr – oft dem Gedenken und Innehalten, dem mit der Adventszeit die Ankündigung des Neubeginns folgt. Im Musikprogramm spiegelt sich dies in der Aufführung verschiedener Requien oder Händels »Messiah« wider. Auch das Collegium 1704 folgt im allgemeinen solchen Anlässen, doch mit »Singet dem Herrn« sorgte es am Sonnabend in der Dresdner Annenkirche für ungewöhnlich helle, freudige Töne an einem der letzte Novembertage und für einen keineswegs unbedachten oder unwillkommenen Kontrast.

Vor allem die Motetten »Deus judicium tuum« (TWV 7:7) von Georg Philipp Telemann, die am Anfang des Programms standen, und Johann Sebastian Bachs »Singet dem Herrn ein neues Lied« (BWV 225) schließen einen lichtfrohen Jubel ein, gehen weit über den novembertypischen Trostgedanken hinaus und verheißen mit Zuversicht Erfüllung statt »nur« Hoffnung. Dabei schließt die (für einen liturgischen Anlaß gedachte) Musik die Gemeinde ausdrücklich ein, und auch das Publikum in der Annenkirche konnte sich von den beiden Collegia musikalisch umarmt fühlen. Die mehrchörigen Werke wurden ganz geprägt von den Sängern, wobei die Einzelstimmen wieder einmal aus dem Chor hervortraten. Dezidierte Solisten oder Gäste wie sonst oft gab es diesmal nicht. Die Solisten der Teile oder manchmal nur Zeilen blieben im Chor hinter dem Orchester stehen, was diesen Eindruck noch verstärkte, in Einzelfällen aber zu leichten Überdeckungen führte.

Unter der Leitung von Václav Luks sind das Singen und die Sänger stets am wichtigsten, das Orchester folgt diesem Gedanken, steuert bei und sorgt vor allem für Stimmung und Untermalung. Besonders innige Momente gab es so in der Mottete »Jesu meine Freude« (BWV 227) in jenen Abschnitten zu erleben (»Denn das Gesetz« und vor allem »Gute Nacht, o Wesen« mit Terzett und korrespondierendem freien Choral), die von Solistentrios bestimmt waren.

»A capella« heißt keineswegs zwangsläufig »ohne Orchester«, wie auch das Programmheft verriet. Je nach Gegebenheiten war (und ist) es durchaus möglich, über den begleitenden Basso continuo hinaus für eine instrumentale Untermalung zu sorgen. Nur eine darüber hinausgehende Ausschmückung wäre unpassend. Und so waren Bachs Motetten, die wir heute oft in kleinen Chorbesetzungen oder gar mit solistischen Stimmen hören, einmal mit großem Chor und vergleichsweise üppigem Orchester zu erleben.

Dies fügte sich sehr wohl ins Programm, das mit Telemanns Jubelmotette begonnen hatte, an die sich Georg Friedrich Händels Lobgesang »As Pants the Hart« (HWV 251e) anschloß. Bei ersterem trugen vor allem die Traversflöten zum Leuchten bei, auch im Duett mit Sopranistin Aldona Bartnik und später gar im Trio Helena Hozová (Sopran)-Flöte-Konzertmeistervioline, bei Händel sorgten die Oboen für eine virtuose Ausgestaltung. Doch wie bei den Solisten im Chor blieben auch die Instrumentalisten im Orchesterverbund eingeschlossen. Besondere Farben durften sie dann (nun ebenso deutliche die Fagotte) in der vor dem Schlußstück eingefügten Sinfonia aus der Kantate »Am Abend aber desselbigen Sabbats« (BWV 42) entwickeln.

Daß im Wandel Beständigkeit liegt, ist eine Erfahrung, die wir in manchen Dingen machen. Auf das Collegium 1704 trifft dies gleichermaßen zu. So gibt es in Chor und Orchester bewährte Stimmen, die schon lange dabei sind, gerade im Chor finden sich viele Sänger wieder, die in Dresden ausgebildet wurden oder im bzw. mit dem Dresdner Kammerchor sangen. Doch selbst wenn es an signifikanten Positionen einmal Wechsel gibt (an diesem Wochenende Ivan Iliev als Konzertmeister) bleibt der typische Charakter erhalten. Schon oft konnte man feststellen, daß Konzerte der Musikbrücke Prag – Dresden weniger einem akademischen Ansatz historisch informierter Aufführungspraxis folgen, sondern gerade mit Lebendigkeit bestechen, kleine Musikfeste sind. Das traf auch diesmal zu – mit einem nahezu Händel’schen »Halleluja!« schloß das Konzert. Der »Messiah« folgt übrigens am 2. April.

26. November 2017, Wolfram Quellmalz

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