Sternstunde des Liedgesangs

Anja Harteros und Wolfram Rieger bezaubern die Semperoper

Nur zehn Tage nach dem Liederabend mit Michael Volle und Helmut Deutsch luden Anja Harteros und Wolfram Rieger am Sonntag zur Matinée. Der Publikumszuspruch war mehr als erfreulich hoch und man kann resümierend sagen: so etwas hätte man gern öfter auf dem Programm!

Nicht immer sind Liederzyklen zwingend als Ganzes zu erfassen, auch wenn wir sie oft so präsentiert bekommen. Gerade viele der um ein gemeinsames Zentrum angesiedelten »Liederkreise« geben in ihren Texten, Ereignissen oder der Stimmung wesentliche Gedanken der Entstehungszeit wieder. Einzelne Stücke daraus auszulösen, ist durchaus statthaft und kann ihren Inhalt betonen. Auch dramaturgische Wechsel und Klippen sind beileibe keine Hürde – zumindest nicht für solche Liedpaarungen wie Harteros und Rieger.

Dabei gehört Anja Harteros zu jenen famosen Gestalterinnen, die ihre Opernbühnenerfahrung belebend in ein Lied einzuflechten vermögen. In Johannes Brahms‘ und Hugo Wolfs weitgefaßten Stücken kam dies besonders zum Ausdruck, wenn etwa Brahms in August von Platens »Wie rafft ich mich auf« »hinunterblickte«. Und auch die »Storchenbotschaft« Hugo Wolfs (nach Eduard Mörike) war szenisch gekonnt angereichert. Hier nun bewies Anja Harteros ihren Sinn für feinen, hintergründigen Humor – sie ließ die Liedzeilen wirken, ihre Darstellung war nicht vorherrschend.

Begonnen hatte der sonnige Vormittag mit Ludwig van Beethoven (»An die Hoffnung«) und vier Liedern Franz Schuberts. Allein mit der sanften Betonung eines »gerne« (Beethoven) kann Anja Harteros eine Richtung geben, leicht, aber unmißverständlich, wobei ihr Gestaltungsspektrum von innig glühend bis distanciert erzählend reicht. Denn bei »An die Hoffnung« wie später noch bei Robert Schumanns »Was will die einzelne Träne« und »Ich wandelte unter Bäumen« (Heinrich Heine) lag ihr Fokus im erzählerischen Rückblick, während sie Liedern wie Schuberts »Rastlose Liebe« (August Tiedge) oder Hugo Wolfs »Verschwiegene Liebe« (Joseph von Eichendorff) den unmittelbaren Impuls der Empfindung mitgab.

Wie tief die Verbindung der Sopranistin mit ihrem Begleiter war, zeigten auch – aber nicht nur – die »leisen Stellen«, wenn Wolfram Rieger die Sängerin »Im Frühling« (Schubert / Ernst Schulze) sanft umschmeichelte oder mit ihr gemeinsam Schumanns »Stille Tränen« theatralisch ausdeutete – »sein Herz«, in der Betonung gerade zurückgenommen, bekam hier besonderes Gewicht.

Nicht nur dem Atem der Sänger paßt sich ein guter »Begleiter« an – nein, er ist Gestalter, gleichberechtigter Mitgestalter. Wolfram Rieger war ebenso in Puls und Rhythmus innig mit Anja Harteros verbunden. Das erlaubte beiden subtile Schattierungen, wie in »Wie raff‘ ich mich auf« (Brahms / August von Platen) und reichte von der Einfühlsamkeit des Einsamen Schubert bis zur angedeuteten Koketterie in Brahms‘ »Hidalgo« (Emanuel Geibel).

Hugo Wolf ließ den »Gesang Weyla’s« schimmern, bevor abschließend »Er ist’s« (Eduard Mörike) als Willkommensgruß ein pianistisches Nachspiel hatte. Zweimal zwei Sträuße gab es noch – Blumen für die Interpreten, Richard Strauss‘ »Zueignung« und »Morgen« für das Publikum – fabelhaft!

17. März 2019, Wolfram Quellmalz

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