Rettung war nicht nötig

Kit Armstrong sprang in letzter Sekunde beim City of Birmingham Symphony Orchestra ein

Das kommt vor: Solisten werden krank. Yuja Wang hatte ihren Auftritt bei den Dresdner Musikfestspielen krankheitsbedingt vor wenigen Tagen absagen müssen. Glücklicherweise erklärte sich Patricia Kopatchinskaja schnell bereit, einzuspringen. Statt Prokofjew (fünftes Klavierkonzert) sollte es also Tschaikowski geben. Doch dann mußte auch die Violinistin absagen – da wurde es knapp. Einen Tag vor dem Konzert sagte aber Kit Armstrong zu – zurück zum Klavier, statt Tschaikowski gab es nun Robert Schumanns Klavierkonzert Opus 54. Da durften sich nicht nur die Dresdner Musikfestspiele und ihre Besucher freuen, sondern auch das City of Birmingham Symphony Orchestra, das gerade zwei Wochen lang in Europa gastiert.

In seinem »Gepäck« hatte es zunächst György Ligetis »Concert Românesc«. Und das war so erfrischend wie der sportive Dirigierstil von Mirga Gražinytė-Tyla. Zumindest hinsichtlich ihrer Choreographie kann sie es locker mit Omer Meir-Wellber aufnehmen. In bezug auf Klarheit und Durchhörbarkeit hat sie ihn an diesem Abend vielleicht sogar übertroffen.

Ligetis kleines Konzert (vier Sätze in zwölf Minuten) sind ein entzückendes und einnehmendes Werk, das jede Angst oder Ablehnung moderner oder zeitgenössischer Musik zu Staub zerbröselt. Es stimmt einen zauberischen Abendgesang der Streicher an, aus dem sich die Stimmen von Oboen und Flöten erheben, wunderschön erklang die Cellogruppe (nicht zum letzten Mal an diesem Abend), bevor das Allegro vivace durchs Orchester wirbelte. Neben vielen reizvollen Soli trat im nachfolgenden Adagio man non troppo besonders das Duo Konzertmeister –Solokontrabaß hervor. Mit einer letzten Steigerung ging es Molto vivace ins Finale, einer virtuos-rasanten Hirtenmusik – kaum zu glauben, daß Ligeti das Werk erst mit zwanzig Jahren (!) Verspätung uraufführen lassen konnte, weil es einigen Parteibonzen in Ungarn (wo der Komponist damals lebte) zu »konformistisch« war.

Vor dem Ersatz-Ersatz-Konzert begrüßte Mirga Gražinytė-Tyla das Publikum während der Umbaupause und offenbarte eine erfrischende Herzlichkeit, als sie das Publikum, »sollte die Zukunft es erlauben«, einlud, einmal nach Birmingham zu kommen, wo es auch einen wunderbaren neuen Konzertsaal gebe.

Kit Armstrong gehört zu den besonders reflektierten Pianisten, die Werke stets durchdenken, bevor sie sie spielen. Daraus lassen sich für den Hörer immer wieder neue Erkenntnisse ziehen, wie zum Beispiel ein Orgelchoral im Baß des Klaviers (Kadenz im ersten Satz). Gleichzeitig pflegt Armstrong ein überaus elegantes Legato, kann mit sanftem Anschlag Passagen betonen und hervorheben (schon über Clara Schumann sagte man, daß sie nicht auf die Tasten hämmere, sondern bewußt einen Klang hervorzubringen vermöge). Mirga Gražinytė-Tyla verband die Stimmen von Solist und Orchester hellsichtig und präzise. Trotz ihrer großen Beweglichkeit am Pult gab es kein bloß »rasantes« Stück zu erleben. Die Soli von Oboe, Flöte oder Klarinette fügten sich wunderbar in den Gesamtklang.

Auch die Horngruppe erwies sich als klangschön und geschmeidig. Überhaupt hatte das Orchester einen vergleichsweise warmen Klang, den mancher, der englische Ensembles mit ihrer oft stärkeren Betonung der Bläser kennt, so nicht erwartet hatte. Bei solchen Qualitäten war Johannes Brahms‘ zweite Sinfonie gut aufgehoben. Viel wohlgesetztes Vibrato gab ihr einen romantischen Gestus, das Werk schien förmlich zu erblühen – immer charmant, versteht sich. Nach einem bis in die letzte Note ausgekosteten Adagio ging es federnd ins Allegretto. Steigerungen waren dennoch möglich: im Schlußsatz entwickelte das City of Birmingham Symphony Orchestra eine geradezu explosive Spontanität – auf nach Birmingham!

18. Mai 2019, Wolfram Quellmalz

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