Silbermann-Tage in der Dresdner Hofkirche

Ludger Lohmann an Gottfried Silbermanns letztem Opus

Natürlich können die Silbermann-Tage, die von Freiberg durchs ganze Erzgebirge und bis nach Oberfranken ziehen, die sächsische Landeshauptstadt nicht aussparen. Zumal, da hier, in der Hofkirche (Kathedrale), Gottfried Silbermanns letzte große Orgel zu finden ist. Zwischen 1750 und 1755 entstand sie, wurde in der Krankheitszeit und nach dem Tode Silbermanns von dessen Schüler Zacharias Hildebrand weitergebaut und vollendet.

Lange Jahre war es so, daß die im Rahmen des Dresdner Orgelzyklus‘ zu hörenden Stücke den Orgeln entsprechend »ausgerichtet« waren: während in der Frauenkirche vor allem berühmte und populäre Werke erklangen, reichten die in der Kreuzkirche von der Historie über die Moderne bis in die Gegenwart. In der Hofkirche war vor allem die Musik der Silbermannzeit (und in deren Nähe) zu hören: Bach, Buxtehude, Sweelinck und andere. Und auch wenn diese Aufteilung heute grundsätzlich noch gilt, haben sich die Grenzen doch verschoben, werden heute weniger »scharf« gezogen. Ein Programm, das bis ins zwanzigste Jahrhundert reicht, ist daher ebenso besonders wie »normal« – Kirchenmusiker mußten sich schon immer auf das vorhandene Instrument einzustellen wissen.

Albrecht Koch, künstlerischer Leiter der Silbermann-Tage, und Annekatrin Klepsch, Dresdens Kulturbürgermeisterin, konnten sich über manche Aufwertung der Silbermann-Tage und deren Verankerung in der Region freuen: seit diesem Jahr gehört die Montanregion Erzgebirge zum UNESCO-Weltkulturerbe, schon 2017 wurden der Orgelbau und die Orgelmusik Deutschlands als immaterielles Kulturerbe bei der UNESCO eingetragen. Passend dazu schien am Tag des Konzertes die Nachricht, daß die Koalition die Meisterpflicht für zwölf Berufe wieder einführen wolle – darunter der Orgelbauer.

Seinen »Meisterbrief« hat Ludger Lohmann längst erworben. Der promovierte Organist unterrichtet heute selbst an der Musikhochschule Stuttgart und ist Organist der Domkirche St. Eberhard. Für das Dresdner Konzert und das Motto der Silbermann-Tage »Macht und Musik« hatte er Stücke zusammengefaßt, welche Choräle aufgriffen, sei es in Form direkter Bearbeitungen, von Phantasien oder – wie in einer Sonate Felix Mendelssohns – ins thematische Material der Musik einbezogen.

Mit Johann Sebastian Bachs Choralbearbeitung »Aus tiefer Not schrei ich zu dir« (BWV 686) und der Choralphantasie »Wo Gott der Herr nicht bei uns hält« (BWV 1128) führte Ludger Lohmann die Klangpracht der Silbermann-Orgel eindrucksvoll vor: schreitend und kunstvoll verwoben erhob sich die Bearbeitung, derweil die Phantasie die Melodiestimmen im Tenor und die Antworten im Baß kontrastierend gegenüberstellte.

Mit Felix Mendelssohns erster Orgelsonate wendete sich der Klangcharakter zu romantischer Weite. Der Komponist, der selbst ein begnadeter Klavierspieler und Organist gewesen war, feierte gerade auf der Königin der Instrumente anläßlich seiner Englandreisen große Erfolge. Die Tonfülle der anglikanischen Instrumente hat ihn sicher beeindruckt und seine Werke beeinflußt. Ludger Lohmann, dessen Dissertationsthema der Artikulation auf Tasteninstrumenten gewidmet war, wußte nicht nur zu artikulieren, sondern den Raum der Hofkirche auch mit dem romantischen Reichtum des Allegros auszufüllen, woran sich ein fein gestaltetes Adagio mit singenden Holzbläserregistern anschloß.

Mit Hugo Distler (Partita Opus 8 Nr. 2) und Günter Raphael (Passacaglia über einen finnischen Choral [»Der gesegnete Tag bricht an mit seinem Licht«]) stand nun Repertoire des Zwanzigsten Jahrhunderts auf dem Programm. Raphael, wie Mendelssohn von den Nazis verfemt, läßt sein Werke aus dem Beginn eines Basses wachsen, der mehr und mehr aufsteigt und dabei gegliedert wird. So »kreuzen« sich immer wieder Melodie und Thema, verweben sich aufsteigende Passagen mit kurzen absteigenden Motiven. Die Komplexität, mit der Raphael sein Stück ausstattet, ist verblüffend, Ludger Lohmann macht dies eindrucksvoll klar und entriß für den Moment den einst so geschätzten Komponisten (Wilhelm Furtwängler, Hermann Abendroth und Karl Straube waren nur einige der Dirigenten, die Raphaels Werke uraufführten und aufführten) dem Vergessen.

Hugo Distler war ebenso ein Opfer seiner Zeit gewesen, wenn auch nicht verfemt. Ludger Lohmann ließ seine übermutig sprudelnde Partita fluten – mahnend und beschwörend im Baß des Chorals, singend im darüber erklingenden Manual. Mit gerade einmal 34 Jahren nahm sich der Komponist das Leben. Die sich aufdrängende Frage, was uns Distler noch zu sagen gehabt hätte, wird unbeantwortet bleiben. Nur erahnen läßt sich nach dem gestrigen Konzert, wieviel uns verloren ist, weil es uns nicht erreichen konnte.

10. September 2019, Wolfram Quellmalz

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