(Gute) alte Schule

Schumann Quartett in der Dresdner Frauenkirche

Junge Quartette, so könnte man schließen, müssen spritzig und energievoll, mitreißend spielen. Zumindest ist das zu vermuten, wenn man hört, wie manche Ensembles in der Presse und vom Publikum beschrieben werden (was aber durchaus nicht dem Tenor der Rezension entsprechen muß). Dabei erweist sich das so naheliegende Bild schnell als Klischee:

Das Schumann Quartett, eine der höchstgehandelten Formationen junger Musiker, gastierte am Freitagabend in der Unterkirche der Dresdner Frauenkirche. Den Hauptraum, gab Ken Schumann (zweite Violine) vor der Zugabe zu, kannten sie noch gar nicht, obwohl es schon ihr zweiter Besuch in der Stadt war (am Wochenende haben sie das sicher nachgeholt). Das Programm der drei Brüder (Erik / 1. Violine, Ken und Mark Schumann / Violoncello) sowie der auch als Solistin bekannten Bratschistin Lisa Randalu drehte sich dabei um die Fuge. Daß die musikalische Fuge eben gefügt ist, sei daher nicht als Bonmot verstanden, sondern als grundlegende, strukturelle Tatsache. Die größten Fugenmeister wie Bach, Mendelssohn und Schostakowitsch haben ohnehin bewiesen, daß man mit »Strukturarbeit« allein noch keine Musik schafft.

Mit der Fuga aus dem frühesten Streichquartett Es-Dur von Felix Mendelssohn begann das Quartett und zeigte schon hier – es geht ohne vorgespielte bzw. »präsentierte« Lebhaftigkeit oder Jugendlichkeit. In der Fuge liegt unter anderem eben auch die Kraft der Ruhe! Die Idee, von hier direkt überzuleiten zu Samuel Barbers Streichquartett Opus 11, war großartig, nur wäre ein entsprechender Hinweis im Programm hilfreich gewesen, denn damit rechnen konnte man wirklich nicht. Trotz kurzer Applauspause ergab sich jedoch eine Verbindung, und Barbers Stück erschien – einmal ohne das Selektieren des Molto adagio, das dann oft ein Übermaß an Trauer und Tragik bis ins unerträgliche steigern kann – als Werk voller reizvoller, aber sanfter Kontraste. Gerade im Beginn erinnert es an den »amerikanischen« Melos Antonin Dvořáks und führt im letzten Satz – trotz Presto-Anweisung – zu einem Ruhepunkt. Der Blick auf das Gesamtwerk ließ das Adagio neu erscheinen, bewahrte ihm dabei die »Stichflamme« eines Umkehrpunktes ganz ohne ein pathetisches Aufbäumen.

Dieser in einer Einheit gedachten Kombination folgten noch Wolfgang Amadé Mozart und Ludwig van Beethoven. Mozart hatte in einer Art Studie über Fugen Johann Sebastian Bachs nachgesonnen, dabei aber vollkommen neue Werke, wirklich Quartette geschaffen (KV 405) und sich nicht nur als »Bearbeiter« betätig. Das Schumann Quartett war ausgewogen in den Stimmen und der Dynamik, geistvoll belebt statt »verkopft« und beeindruckte mit einem klassisch-gediegenen Verständnis für den guten Quartetton. Die Präsenz des thematischen Materials blieb so anregend.

Nach der Pause wurde es mit Ludwig van Beethovens Opus 132 geradezu sinfonisch. Denn die Verquickung der Stimmen hat der Komponist noch einmal gesteigert, und so lagen Assoziationen wie »Erwachen zärtlicher Empfindung«, »Dankbarkeit« und ähnliches nahe. Mit dem wie eingefügten dritten Satz und seiner thematischen Bestimmung (Heiliger Dankgesang eines Genesenden an die Gottheit) bekommt das Quartett ohnehin eine höhere Bedeutung, in diesem Fall aber dennoch keine Überladung.

Mit einer Fuge des »gereiften«, siebzehnjährigen Mendelssohn bedankte sich das Schumann Quartett für den Applaus.

28. September 2019, Wolfram Quellmalz

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