Schwelgen und Fußwippen

Cristian Mâcelaru und Daniel Müller-Schott bei der Dresdner Philharmonie

Da haben die Dresdner nun mit dem umgebauten Kulturpalast einen der besten neuen Konzertsäle – und dann das: seit dem Beginn der Spielzeit gibt es eine andere Lautsprecheranlage (oder wird zumindest eine andere genutzt als bisher). Ob es nun an der Anlage oder der Stimme der Sprecherin liegt – das »Herzlich Willkommen« klingt schneidend-scharf und grell und erschreckt den Rezensenten noch jedes Mal, obwohl er es doch schon oft anhören mußte. Man mag das für nebensächlich halten, doch das Unwohlsein gilt für das überwiegende Publikum – keine passende Einstimmung für ein kulturelles Erlebnis, egal, ob es sich dabei um wohlgefällige (historische) Klassik oder »anstrengende«, den Zuhörer fordernde zeitgenössische Musik handelt.

Am Wochenende gab es bei der Dresdner Philharmonie vor allem das erstere: manche Stücke von Antonín Dvořák und Johannes Brahms könnte man beinahe zur »Wohlfühlmusik« zählen, doch nur beinahe. Denn beide schrieben vielschichtig, vielgesichtig, doppelbödig. Wie schön, wenn ein Dirigent sich als Meister seiner Zunft erweist, nicht nur mit Aplomb aufzutrumpfen vermag, sondern die Facetten eines Werkes spiegeln läßt wie an den Oberflächen eines Diamanten gebrochenes Licht. Cristian Mâcelaru hat sich mit wenigen Besuchen in Dresden (nebst einem Gastauftritt bei den Dresdner Musikfestspielen) den Nimbus eines solchen Meisters erworben, der gleichermaßen akribisch am Detail feilen wie den energetischen Schub entfachen kann.

So war es auch kein Wunder, Antonín Dvořáks »Legenden« (N1. 1, 6 und 10 in der Orchesterfassung) derart sinfonisch zu hören. Den Charme einer gehobenen »Caféhausmusik« mußten sie dabei ebensowenig verbergen wie sie sich zum freien Assoziieren anboten. In der wiegenden Nr. 6 mochte man da – vom Dirigenten herzlich eingeladen – böhmische Kornfelder sehen, in die man sich zum Träumen legen durfte.

Dem Schrillklang des »Vorspiels« stand ein beinahe unverwüstlich schönes Cellokonzert gegenüber, jenes von Edward Elgar. Das Stück ist so schmachtvoll und beliebt, daß man sogar Gefahr läuft, den Ohrwurm überzubekommen. Zumindest, wenn sich der Interpret hinreißen läßt, auch noch schmachtvoll zu spielen. Bei Daniel Müller-Schott bestand diese Gefahr zu keinem Zeitpunkt, im Gegenteil machte sein bekanntermaßen sehr lyrischer Ton vorab schon neugierig, wie es denn werden würde. Und so gerieten – mit dem Orchester im einvernehmlichen Bunde – gerade die langsamen Sätze fein akzentuiert und wohltuend zurückgenommen. (Selbst Daniel Müller-Schott klang hier einmal anders, wie just im Radioprogramm heute morgen zu hören war: 2006 hatte er das Konzert mit dem Oslo Philharmonic Orchestra und Andre Previn aufgenommen und klang damals noch deutlich »vordergründiger« als gestern im Kulturpalast.) Wie leicht singt das Cello bei Elgar dominierend, doch davon war bei Müller-Schott und Mâcelaru kein Deut zu spüren. Die Gelassenheit tat dem Stück gut und setzte einen angenehmen Kontrapunkt zum etwas fiebrig geratenen zweiten Satz. Daniel Müller Schott ließ dem als Zugabe »El cant dels ocells« (»Gesang der Vögel«) von Pau Casals nachschweben.

Mit Johannes Brahms unbeschwerter dritter Sinfonie erweckte Cristian Mâcelaru ein freches, spritziges Werk, dem jeder hineininterpretierte Heroismus abging. Munter wie ein Gebirgsbach sprudelte die Philharmonie die Sinfonie heraus, leuchtete im Hornquartett, ließ Oboe (Johannes Pfeiffer), Fagott (Daniel Bäz) und Flöte (Niamh McKenna) betörend gaukeln, als sei’s eine »Ankunft auf dem Lande«. Das Poco allegretto – vielleicht Brahms‘ schönster Satz? – atmete den Duft singender Violoncelli, die sich schon zuvor im reizvollen Kontrast mit den Violinen gegenübergestanden hatten.

24. November 2019, Wolfram Quellmalz

Zum nächsten Sinfoniekonzert der Philharmonie kehrt Dmitri Kitajenko nach Dresden zurück. Auf dem Programm stehen am 29. und 30. Dezember (jeweils 19:00 Uhr, Kulturpalast) Werke von Peter Tschaikowski, Sergej Prokofjew (Violine: Sergej Krylov) und Aram Chatschaturjan.

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