Höhere Weihen

Christa Mayer anläßlich eines Liederabends zur Kammersängerin ernannt

Als man den gestrigen Liederabend ins Programm genommen habe, sagte Peter Theiler, der Intendant der Sächsischen Staatsoper, sei allen bewußt gewesen, daß dies ein besonderer Abend werden würde. Einerseits lag eine Sonderheit im Abend und der Sängerin an sich, dann aber konnte er noch um die Ernennung Christa Mayers zur Kammersängerin erhoben werden. Die Sächsische Staatsministerin für Wissenschaft, Kultur und Tourismus, Barbara Klepsch, nahm die Ehrung auf Antrag der Intendanz vor und würdigte Mayers künstlerisches Potential sowie die enorme Fähigkeit zur sängerischen Gestaltung.

Davon hatten sich die Besucher der Semperoper zuvor bereits erneut überzeugen können. Zudem bewies die Mezzosopranistin eine große Spann- – sprich – Repertoireweite. Mögen Dvořák und Mahler noch zu einem typischen Liederabend gehören oder nur eine kleine Erweiterung sein, sieht es bei Franz Liszt schon ganz anders aus, wie Klavierbegleiter Helmut Deutsch weiß. Im allgemeinen ist es oft nötig, Sänger und vor allem Veranstalter mit viel Begeisterung von Liszts Liedkompositionen zu überzeugen. Gestern war so viel Überredungskunst vielleicht einmal nicht nötig. Darüber hinaus erklangen Werke des fast noch zeitgenössischen katalanischen Komponisten Xavier Montsalvatge – eine Entdeckung! Ein Gondoliere-Lied erklang jedoch – glücklicherweise nicht. Es tönte nur kurz, weil das Handy eines Besuchers sich vor Beginn so meldete und daran erinnerte, daß es doch bitte auszuschalten sei.

Mit den »Zigeunermelodien« Antonín Dvořáks entführten Christa Mayer und Helmut Deutsch ihr Publikum dann geographisch, musikalisch und in der ganzen Kunstepoche in andere Gefilde. Stimmfärbung, Phrasierung und dynamische Verläufe weiß Christa Mayer wirkungsvoll einzusetzen – hier ließ sie die Melodien warm bis glühend durchbeben, mal innerlich in einer Erinnerung, dann in einem nach außen getragenen Impuls. Liebe erlebt man nicht nur, man erleidet sie zuweilen. So zumindest berichtet »Rings ist der Wald so stumm und still«. Was jedoch nicht heißt, in Trauer zu versinken. Christa Mayer und Helmut Deutsch schwangen sich von hier (»wird nicht dem Tode fluchen«) auf – »als die alte Mutter mich noch lehrte singen«. Die Vorstellung des zigeunerischen Lebens bzw. dessen künstlerische Deutung war zu Dvořáks Zeiten romantisch klar umrissen und umfaßte vor allem eine lust- und gefühlvolle Auslegung. Die musikalische Erleichterung so erhebend darzustellen, bedarf es allerdings eines kongenialen Paares – Helmut Deutsch gab den Aufschwung vor. Auch bei Mahlers »Das irdische Leben«, welches mit dem Tod des Kindes endet, konnte er solche Richtungsänderung schaffen und die Zuhörer mit einem einzigen Schlußton in den Abgrund reißen. Verblüffend sind diese Lieder, die man doch eher in der Orchesterfassung kennt, in ihrer Erlebnistiefe ohnehin. Später dann, bei Montsalvatges abgründigem »Chévere« (Angeber), fand Deutsch einen melancholischen Widerhall zum Gesang, als habe ihn Robert Schumann erdacht.

Franz Liszts Lieder sind in der Tat faszinierend, vor allem, wenn sie so ausgestaltet werden wie »Die Loreley«. Kaum mehr nur »balladesk« war zu nennen, was Mayer und Deutsch hier boten, die Geschichte, das Drama der Jungfrau auf dem Felsen. Wunderbar, wie beide die Vertonungen von Gedichten Victor Hugos ausleuchteten!

Christa Mayer kann erzählen, singen, schwärmen – hinreißend, wie sie bei Mahler den Dialog von Mutter und Kind gestaltete, als besäße sie zwei Stimmen. Das abgedunkelte, rauchige, das ihr ganz natürlich und mühelos gelingt, ohne kehlig zu wirken, kam nicht nur der Mutter, sondern ebenso dem Melos der »Zigeuner« oder des Kubanischen Cantos, dem Csárdás oder der Habanera zugute, aber Mayer kann noch anders: jung, feurig, kokett. Nicht nur die Partnerschaft Deutsch-Mayer beflügelte diesen Liederabend, sondern auch jene der Opern- und der Liedsängerin Christa Mayer.

Und dafür erhielt sie – vollkommen zurecht – die Auszeichnung zur Kammersängerin. Nicht wie erwartet nach der Pause, sondern zwischen ihren beiden Zugaben. Auf Johannes Brahms‘ »Ständchen« Opus 6 Nr. 1 sandte sie später noch Richard Strauss‘ dankbare »Zueignung« nach.

27. Februar 2020, Wolfram Quellmalz

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