Die Schönheit der Normalität

Drittes Konzert beim Moritzburg Festival

Am dritten Konzerttag haben sich die Besucher schon eingefunden in die alt, neue Situation: Die Konzerte des Moritzburg Festivals finden im gewohnten Format statt, sind aber, von manchen Gänsen beschnattert und Schwalben werfen ihr »wid wid« draußen, hin und wieder krächzt ein Rabe und zieht sich zurück – ist er beleidigt, daß er als Singvogel nicht anerkannt wird? Robert Schumann konnte seinem Ruf sicher etwas abgewinnen …

Luigi Cherubini hat neben zahlreichen Opern auch eine Reihe sakraler Werke geschrieben – heute stehen sie leider selten auf den Programmen. Am Mittwochabend gab es auf der Nordterrasse des Schlosses Moritzburg sein Pater Noster (Vaterunser, im Original für Chor und Orgel) in einer instrumentalen Fassung zu hören. Kevin Zhu (Solo-Violine) wurde von Nathan Meltzer und Mira Wang (Violinen), Sindy Mohamed und Karolina Errera (Violen) sowie Andrei Ioniță (Violoncello) umringt, nur Nathan Meltzer brach als 1. Violinist (bzw. als 1. Nebenrolle) daraus manchmal deutlich hervor. Pater Noster beginnt ist tiefen Lagen, gewinnt in der Wiederholung aber Licht und erschien im marschähnlichen Allegro fast schon von militärischer Kraft. Trotz des Bezuges auf regelrechte Worte blieb Kevin Zhus Violine jedoch frei und kantabel, gerade im kadenzartigen Mittelteil.

Mit Robert Schumanns Klavierquartett wandten sich Andrea Lucchesini (Klavier), Kai Vogler (Violine), Ulrich Eichenauer (Viola) und Henri Demarquette (Violoncello) einem Kernstück des Kammermusikrepertoires zu, eigentlich kann man hier getrost von »Kanon« sprechen, erst recht im Falle Robert Schumanns, der wichtige Jahre in Dresden und Leipzig verbracht hatte. In der Pleißestadt war auch das Opus 47 entstanden. Es war gleichzeitig schon der letzte Auftritt Andrea Lucchesinis in diesem Moritzburger Jahrgang – wie schade! Im Quartett mit drei Streichern, die zu den »Urgesteinen« zählen oder zumindest langjährige Teilnehmer sind, fand er zu noblem, feinen Ton. (Wobei man erneut feststellen konnte, wie gut Bühne, Dach, Seitenwände und Verstärkung aufeinander abgestimmt sind – man hat einen überwiegend natürlichen Klang.) Sanft wie einsetzender Regen perlten die ersten Akkorde, das Streichtrio konnte diesen Gestus aufnehmen, doch belebte sich das Quartett sogleich – ein Verharren in Posen oder »schönen romantischen Momenten« wäre eben nicht genug. Vielmehr durchschritten die vier beschwingt Schumanns »Blumenpark«, zupften hier und da eine Blüte heraus, fanden zu leuchtenden Farben und einem satten Schlußakkord schon im Allegro ma non troppo. Spukhaft huschte das Scherzo, hüpfend und punktiert erklommen sie luftige Höhen im Finale: Vivace. (Wenn man das Opus noch einmal auf CD brauchte, wäre diese Konstellation sicher reizvoll.)

Peter Tschaikowskys »Souvenir de Florence« dürfte eines der Lieblingsstücke von Festivalleiter Jan Vogler sein. Logisch, daß er das erste Cello übernahm. Ihm zur Seite gesellten sich noch einmal Kevin Thu, Karolina Errera, Sindy Mohamed und Andrei Ioniță, die zweite Geige hatte Baiba Skride übernommen.

Nun durfte Zhus Violine ganz hell jubilieren, bekam von Jan Voglers Cello eine wippende Antwort. Reihum gingen Motive, Rede, Antwort, Gegenrede – ein munterer Austausch! Das südliche Befinden kam dabei nicht zu kurz, so stimmten die sechs im zweiten Satz eine italienische Serenata an: während die Violine sang, schienen die Pizzicati der anderen wie Mandolinen, um sich gleich darauf im Streicherchor zu vereinen – das hatte schon etwas ungeheuer Familiäres.

6. August 2020, Wolfram Quellmalz

Heute im Programm: öffentliche Probe (19:00 Uhr, Evangelische Kirche Moritzburg), morgen: Portraitkonzert (19:00 Uhr) und Konzert (20:00 Uhr), Nordterrasse Schloß Moritzburg, weitere Informationen unter: http://www.moritzburgfestival.de

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