Sinfonische Brüder

Sächsische Staatskapelle verschenkt zum Geburtstag Brahms und Dvořák

Es ist schon verblüffend, wie nah sich manche Werke sind, selbst wenn sie keine direkten Bezüge oder Zitate aufweisen. Der Beginn von Johannes Brahms‘ erstem Klavierkonzert und Antonín Dvořáks siebenter Sinfonie – beide übrigens in d-Moll – scheint zunächst aus einer ähnlichen Idee zu schöpfen, wie Myung-Whun Chung und die Sächsische Staatskapelle gestern zum Geburtstagskonzert am 472. Gründungstag des Orchesters im Dresdner Kulturpalast verdeutlichten. Gleichwohl bricht der Akkord beim einen (Brahms) auflodernd los, während er beim anderen (Dvořák) leicht verzagt heraufdämmert. Und noch eines haben beide Werke gemeinsam: einen wesentlich sinfonischen Duktus.

Solcherlei Betrachtungen konnte man beim Sonderkonzert am Dienstagabend wunderbar nachgehen, denn die Staatskapelle fächerte ihrem Publikum in Motivik und Instrumentation Brahms und Dvořák vom feinsten vor, vor allem in der siebenten Sinfonie, die einen deutlich größeren Bläserapparat benötigt. Myung-Whun Chung ordnete die Instrumentengruppen akustisch übersichtlich, so daß ihn das Metrum in einen federnden Charakter führte – natürlich kann ein Crescendo auch ohne Wucht und Donner tönen. Im Poco adagio standen sich die Chöre der Holz- und Blechbläser im Wechsel gegenüber, dann drang ein wenig jenes Feuers durch, das in Johannes Brahms Klavierquartett Opus 25 das Rondeau alla Zingarese beflügelt. Sogleich aber schob der Sinfoniker Dvořák das Werk weiter wieder an, Myung-Whun Chung offenbarte Raffinesse mit fast Bruckner’schen Steigerungen.

Mit einem Lächeln der Streicher begann das Scherzo – wie leicht dies der Staatskapelle immer wieder gelingt! – doch fand sie schnell den Weg zurück zum Feuer. Eng gebunden und sorgsam bereitet schien die Sinfonie, sehr »korrekt«, doch mißte man die gewohnte Sinnlichkeit.

Mehr noch gar bei Johannes Brahms, mit dessen Klavierkonzert der Abend begonnen hatte. Zwar war die Artikulation von Solist und Orchester vorbildlich, fanden Stimmen aus dem Gegenüber in einen homogenen Zusammenklang, doch das letzte berührende Quentchen schien diesmal zu fehlen. Vielleicht war es auch schlicht der Situation geschuldet, denn trotz vergrößerter Bühne kam das Orchester an deren Grenzen bzw. an die Grenzen des Möglichen, was eine Aufstellung unter Berücksichtigung der Abstandsgebote betrifft. In den vergangenen zwei Jahren hatten vor allem Gäste und Marek Janowski gezeigt, daß es günstig für den Gesamtklang ist, wenn die hinteren Podien für die Bässe höher stehen, wenn die »Rampe« des Orchesters also steiler ist. Fällt sie zu flach aus oder stehen – wie gestern – die Kontrabässe nah an der Rückwand, »knallen« sie manchmal stärker als gewollt, was Myung Whun Chung im Verlauf des Abends jedoch korrigierte.

Sir András Schiff setzte knapp zwei Wochen nach seinem Rezital die Residenz des Capell-Virtuosen fort. Den durch Synkopen und im Orchester forciert angeregten Beginn des Klavierkonzertes entgegnete er mit Gelassenheit und präziser Ausformung. Auch wurde klar: ausschließlich sinfonisch ist das Konzert durchaus nicht! Es birgt im Gegenteil neben Solopassagen solche mit kammermusikalischem Gestus. Das Maestoso wurde stellenweise von dem Duo Klavier-Horn getragen, kurz mischte sich Roland Straumer dazu und ließ die Sonate zum Trio wachsen. Im Gegenüber der Bläser (voller Herzlichkeit: Rozália Szabó / Flöte) fanden sich viele sinfonische Verknüpfungspunkte, aus denen sich schließlich das Rondeau wie ein Amalgam entwickelte.

23. September 2020, Wolfram Quellmalz

Mehr Brahms gibt es seit kurzem: Myung-Whun Chung und die Sächsische Staatskapelle Dresden haben Johannes Brahms‘ erstes Klavierkonzert im vergangenen Jahr während einer Gastspielreise im Seoul Arts Center mitgeschnitten (Solist: Sunwook Kim). Die Aufnahme ist soeben bei accentus music erschienen. Neben dem Klavierkonzert enthält sie Johannes Brahms‘ sechs Klavierstücke Opus 118, wofür Myung-Whun Chung vom Pult an den Flügel wechselte.

Nächste Konzerte der Sächsischen Staatskapelle Dresden im Kulturpalast: 27. Oktober (Solist: Rudolf Buchbinder) und 3. November (Nikolaj Szeps-Znaider, Beginn jeweils 20:00 Uhr). Auf dem Programm stehen Werke von Richard Strauss, Ludwig van Beethoven, Arnold Schönberg sowie Robert Schumann.

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