Agiler, flexibler Orchesterklang

Jan Lisiecki debütiert bei der Dresdner Philharmonie

Für seinen ersten Auftritt bei der Dresdner Philharmonie am Sonnabend (zwei Konzerte um 17:00 und 20:00 Uhr) hatte sich Jan Lisiecki kein Mozart-Klavierkonzert, keinen romantischen oder virtuosen Klassiker ausgesucht, sondern Dmitri Schostakowitschs erstes Klavierkonzert (Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester Opus 35) – da hatte er gut gewählt! Denn Lisiecki ist – nicht nur unter den Pianisten seiner Altersgruppe – erstaunlich unprätentiös; zirzensische Darbietungen sind ihm ebenso fremd wie aufgesetzte Selbstdarstellung. Dabei bleibt er aber charmant, eloquent, locker – ein devoter Diener der Musik ist er dennoch nicht.

Seine Partner im Konzert waren Andreas Jainz (Solotrompeter des Orchesters) und Krzysztof Urbański. Schostakowitschs Werk entzieht sich nicht nur in der Besetzung einer klaren Zuordnung, auch der Aufbau überrascht, spielt mit den Formen, bringt ernsthafte und triviale musikalische Ideen in einen (fast immer) überraschend symbiotischen Einklang. Manchmal freilich spürt man eine Experimentierlust, einen Wechsel der Genres – später hat Schostakowitsch hier schärfer getrennt, wurde dabei noch subtiler.

Das Stück begann mit einem Nocturne im Klavier, dessen dunklen Schimmer Urbański mit fast dumpfen Streicherklängen noch effektvoll unterstrich. Lisiecki schaffte den Wandel vom chopinesken Salonklang zu spritziger Virtuosität und wiederum zu dramatisch wogenden Schichtungen mit leichter Hand – die Unbekümmertheit, mit der er vorgeht, steht dabei einer Ernsthaftigkeit, mit der er sich den Werken zuwendet, nicht im mindesten im Wege.

Zugewandt zeigte sich auch Krzysztof Urbański, und das während des ganzen Abends. Sportiv wandte er sich den Spielern zu, Solisten wie Orchestergruppen – so wie Lisiecki leichthändig spielte, tanzte Urbański beinahe leichtfüßig und arbeitete Schattierungen fein heraus. Andreas Jainz fügte dem mehr als nur Kontraste hinzu. Sauber phrasiert und mit weichem Ansatz begeisterte sein Ton, doch wirkte er auch dramaturgisch, etwa im ersten Satz, in dem die Trompete eine Wendung von einem sich wild gebärdenden Chamäleon hin zu einem befreiten Wesen einleitete – die Violen erwiderten dies entspannt, leicht gaumig kündete ihr Klang schon vom nächsten Phasenwechsel.

Ob im elegischen Schwelgen, Verdüsterung oder im dann doch ein wenig banalen Weltraummusiksound – Philharmonie und Solisten trafen stets punktgenau zusammen und polierten Schostakowitschs Jugendwerk gehörig auf. Als Zugabe wiederholten sie noch einmal das rasante Finale. Wie anders war da die Welt Felix Mendelssohns! Seine Italienische Sinfonie begann Krzysztof Urbański etwas massig, auch Beginn und Finale des letzten Satzes wirkten ungewohnt gewichtig – ist Mendelssohn nicht luftiger? Vielleicht. Vielleicht war dies so beabsichtigt, möglicherweise resultiert der Dynamiküberschuß aus der nachteiligen Sitzordnung mit großen Abständen. Bemerkenswert blieb, daß Urbański diesen Klang formen konnte und konsequent blieb. Ob dynamische Steigerungen, das Auffächern verschiedener Stufungen – die Sinfonie durchschritt hier weite Räume, ohne daran Schaden zu nehmen. Im Verlauf gab es keinerlei Brüche, hinzu kam die begeisternde Art, mit der Urbański präzise die Soli (nun waren die Bläser vollzählig dabei) einwob.

18. Oktober 2020, Wolfram Quellmalz

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