Licht ins Dunkel

Vesper mit dem Dresdner Kreuzchor

Die Kreuzvesper ist ob ihres gottesdienstähnlichen Charakters derzeit eine der wenigen Möglichkeiten, Musik im gewohnten Raum zu erleben. Am Sonnabend präsentierte der verkleinerte Kreuzchor (Klassen 7, 8, 11 und 12) weit im Altarraum verteilt (Schachbrettanordnung) unter der Leitung von Kreuzkantor Roderich Kreile unter anderem Musik von Andreas Hammerschmidt, Hans Leo Haßler sowie Heinrich Schütz und wandte sich damit bereits dem Ende des Kirchenjahres, das mit dem Ewigkeitssonntag (in diesem Jahr 22. November) schließt, zu. Ganz unabhängig von der gegenwärtigen Situation steht damit nicht zuletzt das Abschiednehmen im Mittelpunkt, wozu eigentlich die Aufführung von Requien im Verlauf des Monats gehören – in diesem Jahr ist dies nicht möglich.

Zu Beginn gab es mit Jacob Handl (auch als Jacobus Gallus bekannt) einen sonst wenig gespielten Komponisten zu entdecken, der mit »Ecce, quomodo moritur justus« (»Siehe wie der Gerechte umkommt«) Worte aus Jesaja 57.1 aufgegriffen hatte. Nach dem von Kreuzorganist Holger Gehring in gedämpften, aber um so schöneren Farben an der Jehmlichorgel gestalteten Einzug sorgte der Kreuzchor nun in den a cappella vorgetragenen Worten unmittelbar für eine getragene, stark in sich gekehrte Stimmung, in die mit den folgenden Werken nach und nach mehr Licht einkehrte. Schon Johann Rosenmüllers Motette »Welt ade, ich bin dein müde« klang mit einem herausgehobenen Anteil der Sopran- und Altstimmen viel heller und erfuhr in der jeweils dritten Zeile, in der sich der Textdichter jeweils an die Welt richtete (und deren Widrigkeiten wie Krieg, Streit, Angst, Not. etc. herausstrich), eine fast expressive Überhöhung.

Mit Andreas Hammerschmidts »Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz« und Hans Leo Haßlers »Deus noster refugium« (»Gott ist unsre Zuversicht«) zeigte sich, daß neben dem Bewußtsein um Not, Angst und Abschied die Hoffnung einen wesentlichen Teil des Lebens bestimmt, der hier spürbar an Bedeutung gewann.

Nach diesen fokussierenden Werken (die im Vergleich zum festlichen Charakter zum Reformationstag vor einer Woche einen beträchtlichen Kontrast ausmachten) sorgte Holger Gehring mit Johann Sebastian Bachs Praeludium et Fuge h-Moll (BWV 544) für einen weitgefaßten Kontemplationspunkt, der auf dem erhabenen Gipfel der Fuge endete.

Selbst in scheinbar oder dem Äußeren nach trüben Zeiten darf man hoffen, auf einen Anstieg zum Gipfel vertrauen. Der drittletzte Sonntag des Kirchenjahres greift die Seligpreisung auf, die in der Vertonung von Heinrich Schütz (SWV 391) erklang. Vertrauen und Hoffnung allein genügen selbstverständlich nicht – Frieden will auch »gemacht« sein und sei nichts, an dem man passiv teilhat, erinnerte Superintendent Christian Behr.

Homogen geschlossen und schlicht fanden Bässe und Tenöre bei Schütz einen innigen Ruhepunkt »ohne Dunkelheit«. Die zuvor erklungene Geistliche Chormusik »So fahr ich hin zu Jesu Christ« (SWV 379) mit ihrer lichtvollen, fugierten Anlage, war dagegen zwar schön in der Gestalt, die Verständlichkeit jedoch wenig gegeben – was ebenso an der offenen Aufstellung gelegen haben mag wie an der Tatsache, daß es auch für den Kreuzchor schwer sein dürfte, unter den aktuellen Bedingungen seine Form zu wahren.

Wie weit die Gedanken des Novembers spannen, zeigte sich zum Abschluß in Felix Mendelssohns »Herr, sei mir gnädig«, das beinahe zaghaft mit einer Anrufung begann, von hier aber einen Aufschwung nahm und schließlich in der Bitte »erhör‘ uns!« einen weiteren Ruhepunkt fand.

8. November 2020, Wolfram Quellmalz

Die für das kommende Wochenende geplanten Aufführungen des Deutschen Requiems von Johannes Brahms müssen entfallen. Am Sonnabend (14. November) erklingen jedoch Chöre aus dem Requiem mit dem Kreuzchor im Rahmen der Kreuzvesper.

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