Schumann und der Kauz

Am zweiten Abend des Moritzburg Festivals ging es wieder auf die Schloßterrasse

Eigentlich ist der Ort nur eine Ersatzspielstätte, aber die Nordterrasse des Moritzburger Schlosses hat 2020 bereits viele Freunde gefunden. Auch in kommenden Jahren, wenn man hoffentlich wieder in den Speisesaal zurückkehren kann, wird es hier sicher einzelne Konzerte geben. Einen Nachteil gibt es schon: die Wetterabhängigkeit.

Doch am späten Sonntag sandte nur ein Wetterleuchten weit aus der Königsbrücker Ferne noch ein paar Grüße nach – in Moritzburg blieb es etwas frisch, aber trocken, und so konnten sich Musiker und Besucher am mittlerweile gewohnten luftigen Format freuen. Dazu gehört, daß Gänse immer den Konzertbeginn beschnattern, Schwalben ihr »wid wid« dazwischenrufen und manchmal sogar aus dem Wald ein Kauz herüberschreit. Zu Robert Schumann paßte das ganz prächtig, obwohl gar nicht die »Waldszenen« auf dem Programm gestanden hatten.

Das Klavierquartett Es-Dur Opus 47 hatten Wu Qian (Klavier), Nathan Meltzer (Violine), Karolina Errera (Viola) und Bruno Philippe (Violoncello) am Ende des Abends auf ihren Notenpulten und woben daraus ein Märchenbild. Aus einem zarten Präludium (Sostenuto assai) erhob sich das Allegro ma non troppo, in dem sich ein harmonisches Streichtrio und ein prägnanter Klavierpart gegenüberstanden. Nathan Meltzer ist sozusagen ein Moritzburger Eigenfabrikat – der ehemalige Akademist hat schon bei seinem ersten Gastauftritt überzeugt, nicht nur mit lupenreiner Intonation und gefühlvollem Ausdrucksvortrag, sondern auch, weil er ein Ensemble führen, leiten kann. Bruno Philippe ließ sein Violoncello im Andante cantabile gesanglich klingen, doch blieb das Quartett hier weiterhin ein Quartett, wuchs der Cellist nicht zum Solisten, sondern blieb von seinen Partnern umschlossen. Die Violine übernahm das Thema, dicht gefolgt von der Viola, wenig später.

Schlichte Hingabe und Schönheit ist es eben nicht, was zählt, sonst würde wohl die Spannung fehlen. Gerade in den Stufungen, in denen sich der erste Satz in Genuß steigerte, in kleinen Rauhheiten und »Kanten« zeigte sich das Profil, das Schumann »schärfte« und die veritable Vertiefung bewies – Extraklasse!

Auch Dmitri Schostakowitschs berühmtes Klaviertrio Nr. 2 in e-Moll hatte solche Profilqualität. Pianist Sergio Tiempo überzeugte schon am Vorabend ungemein, mit seinen Partnern hob er das teilweise spektakuläre und unterhaltsame Stück deutlich über manche gewöhnliche Interpretation hinaus, die mit ein wenig Ironie, aber kaum mehr würzt. Tiempo konnte den Beginn des Allegretto nicht nur die Wucht des Aufbäumens mitgeben, sondern spitzte dies noch mit unterschwellig metallischer Härte großartig zu.

Anders als der spanische Botschafter Ricardo Martinez am Vortag, der aus Berlin anreiste, war solches Pablo Ferrández verwehrt – der Spanier konnte wegen der aktuellen Reisebeschränkungen nicht aus seiner Heimat nach Moritzburg kommen. Jan Vogler übernahm für ihn das Violoncello und sorgte mit Sergio Tiempo und Seiji Okamoto (Violine) für eine superbe, höchst differenzierte Auslotung von Schostakowitschs Trio. Hier stimmten nicht nur Energie und Impulse, hier blieb die Ambivalenz, die dem Stück innewohnende Fragwürdigkeit, das vage, ungewisse (gefährliche) erhalten – es war die vielleicht beste, bemerkenswerteste Aufführung dieses Opus 67, die die NMB miterlebt haben!

Gleiches läßt sich von Franz Schuberts »Gretchen am Spinnrade« (D 118), welches den Abend eröffnete, leider nicht sagen. Schon der Versuch, der »Ansatz«, das Stück von einer klavierspielenden Sopranistin (Chelsea Guo) vortragen zu lassen, ruft Irritation hervor. Eine Irritation, die nicht auf den Unwillen gegen das Ungewohnte zurückzuführen ist, sondern auf eine grundsätzliche Unstimmigkeit, wenn sich ein Sänger oder eine Sängerin nicht dem Publikum zuwendet (weil er oder sie am Flügel sitzt), wenn er (sie) »in die falsche Richtung« singt. Hier kann man sich auch nicht auf das Klangerlebnis allein beziehen, schließlich geht es im Konzert eben nicht darum, ein Lied zu hören (wie von einer Schallplatte). Das visuelle Erlebnis trägt unmittelbar zum Erlebnis bei, zur Emphase (oder eben nicht). Darüber hinaus war selbst der Klang durch die Notwendigkeit des Mikrophons indirekt, ganz zu schweigen von der Interpretation, der es an Tiefe fehlte (wie hätte sie solche haben können?). Um die echten Qualitäten der Sopranistin beurteilen zu können, wird aber Gelegenheit sein, denn Chelsea Guo tritt in den kommenden Tagen noch mehrfach in Moritzburg auf. Meist wird sie dann von anderen Musikern begleitet.

9. August 2021, Wolfram Quellmalz

Heute: Öffentliche Probe in Moritzburg (19:00 Uhr, Evangelische Kirche Moritzburg). Weitere Informationen unter: http://www.moritzburgfestival.de

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