Improvisieren mit Programm

Sietze de Vries in der Dresdner Frauenkirche

Ursprünglich hatten Werke von Jan Pieterszoon Sweelinck, Heinrich Scheidemann und Dietrich Buxtehude auf dem Programm gestanden. Dieses änderte sich fast vollständig, und doch blieb Sietze de Vries dem Kern, dem Gedanken der Improvisation, treu. Und es überraschte. Denn oft gilt (aber eben nicht immer) die »Regel«, daß der Dresdner Orgelzyklus an der Hofkirche nach Silbermann oder Bach klingt und in der Kreuzkirche modern und experimentell wird, während die Frauenkirche als symbolträchtiger Magnet den Klassikern (Bach; Widor, Vierne) und den »Publikumslieblingsstücken« vorbehalten ist – diesmal eben nicht!

Und das zeigte sich schon in den historisch überlieferten, also notierten Stücken. Denn sowohl Michael Praetorius, dessen 400. Todestages wir in diesem Jahr gedenken, als auch Johann Sebastian Bach war das Improvisieren nicht fremd. Bach hat es als Organist beherrscht (und mit seinem freien, modernen Choralvorspiel die Arnstädter Gemeinde verwirrt), Praetorius war mit Theorie und Praxis engstens vertraut. Seine Suite de Danses ist dennoch nur unzureichend im Musikleben präsent. Die Tanzsätze sind ursprünglich wohl für ein Ensemble mit Gamben, (Block)flöten, Lauten und Tasteninstrumenten besetzt gewesen, doch erforderte die Praxis (Verfügbarkeit von Instrumenten und Spielern) schon damals Flexibilität. Mit den Möglichkeiten der Kern-Orgel entfachte Sietze de Vries, ein Spezialist der Improvisation, geradezu ein buntes Treiben, das an einen fröhlichen Ball ebenso erinnerte wie an ein aufgewecktes Treiben überhaupt. Auch suggerierte er mit seiner Registrierung all die Flöten, Zimbeln und Chalumeaus, die wohl ursprünglich die Suite spielen sollten. Sein Ausdrucksspektrum reichte dabei vom ausgelassenen Entree du Ballet über die rhythmisch variierende Bourrée und die grazile Galliarde bis zum obertönig leuchtenden Ballet des coqs und einer Courant, die einen beinahe weihnachtlichen Hallelujah-Charakter hatte.

Im Vergleich wirkt Johann Sebastian Bach natürlich strukturierter, gedanklicher, durchdachter, und doch zeigten sich seine Phantasia BWV 542, das Choralpräludium »Schmücke dich, o liebe Seele« (BWV 654) und vor allem die Fuge zu BWV 542 eine musikalische Freizügigkeit, die wohl auch gedanklich vorausgesetzt werden darf. Noch einmal wurde deutlich, daß für den Organisten neben Farbe, Kontrast und Struktur gerade die Stimmung ganz wesentlich ist – das Choralvorspiel gelang ihm wunderbar schwebend.

Doch die Krönung sollte noch folgen, und sie lag – wie im Programmtitel »Improvisieren in großer Tradition« angekündigt – in der freien Verarbeitung von Themen. Hier nun jedoch nicht spontan oder per Zuruf vom Publikum, sondern einer historischen Überlieferung gemäß als »Übung« (auch »Orgelprobe« oder »Orgelvorführung« genannt). Johann Mattheson hat die Anforderungen an eine solche Übung zu vier Teilen im 18. Jahrhundert niedergeschrieben und dem Organisten Aufgaben gegeben, über Themen zu phantasieren, sie in Fugen zu verarbeiten, aber auch den Gemeindegesang einzuleiten. Dem kam Sietze de Vries aufs genaueste und ergötzlichste nach, verknüpfte Themen (Passionschor) und Fugen, improvisierte über »Wer nur den lieben Gott läßt walten«, kreuzte, fugierte und variierte seine Improvisation aufs eindrücklichste!

Damit gelang ihm immer noch eine Ergänzung, Steigerung und Weiterentwicklung, welche die effektvolle Abwechslung einer Variationsfolge bei weitem übertraf.

26. August 2021, Wolfram Quellmalz

Nächstes Konzert des Dresdner Orgelzyklus‘: 1. September, 20:00 Uhr: Hofkirche (Kathedrale), Dominik Susteck (Köln).

Nächstes Orgelkonzert in der Dresdner Frauenkirche: Sonnabend, 11. September, 20:00 Uhr: Frauenkirchenorganist Samuel Kummer spielt Werke von Johann Sebastian Bach.

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