Bach und Messiaen im Spiegel

Dresdner Orgelzyklus in den Kulturpalast zurückgekehrt

Viermal im Jahr etwa kehrt der Dresdner Orgelzyklus im Kulturpalast ein und fügt dem Klang von Hofkirche, Kreuzkirche und Frauenkirche seinen eigenen Ton hinzu. Schon der Raum (und der Weg zum Platz) unterscheiden sich deutlich von dem, was man aus einem Orgelkonzert in der Kirche gewohnt ist. Noch ungewohnter ist es freilich, Werke mit einem sakralen Bezug im Konzertsaal zu hören – doch warum nicht? Die Königin der Instrumente an dieser Stelle einmal solistisch zu hören, schafft manchmal vollkommen neue Eindrücke. Bestimmte Werkgattungen von vornherein auszuschließen, wäre da nicht sinnvoll.

Mit Religion und Glauben haben sich viele Komponisten befaßt, auch Johann Sebastian Bach und Olivier Messiaen. Beide standen lange Jahre ihres Lebens in Kirchendiensten, dennoch waren ihre Lebenssituation und ihr Umgang mit Musik vollkommen verschieden, schon die »Auftragslage« (oder Erwartungshaltung der Kirchenbesucher) unterschied sich enorm.

Bach mit anderen ins Verhältnis zu setzen, ist aber nicht nur naheliegend, wenn man ihn als einen der »Urväter« der Kirchenmusik sieht, sondern kann generell reizvolle Bezüge offenlegen. Der polnische Organist Karol Mossakowski, ein Schüler von Palastorganist Olivier Latry übrigens, folgt nicht nur einer Idee, wenn er Johann Sebastian Bach und Olivier Messiaen gegenüberstellt. Er schafft damit mehr als einen Kontrastspiegel oder musikalischen Reflektor, führt vor, wie beide Komponisten nicht nur Emotionen allgemein, sondern tiefe, oft mit einem Motiv verbundene Gefühle darstellten. Bach und Messiaen differieren dabei enorm, in Harmonik und Struktur, Chromatik und im Umgang mit gesanglichen Linien oder Texten. Eine Auswahl von Johann Sebastian Bachs Choralvorspielen (»Gelobet seist du, Jesu Christ« / BWV 604, »Der Tag, der ist so freudenreich« / BWV 605, später »Liebster Jesu, wir sind hier« / BWV 730 und 731 und anderes) war dafür beispielgebend. In der melodischen, oft sanften und dem Gesang folgend atemvollen Interpretation von Karol Mossakowski erschienen sie sämtlich in individueller Größe – der Gesamtrahmen erweckte weder den Eindruck von Klangbeispielen, noch gab er vor, daß dies alles sei, was Bach zu sagen hätte.

Dennoch läßt sich nicht natürlich leugnen, daß das Konzerterlebnis im Kulturpalast ein anderes ist als in einer Kirche (selbst wenn da die gleiche Orgel stünde). Für manchen fehlt hier vielleicht eine Komponente spiritueller Tiefe. Im Fall von Olivier Messiaen, der sich selbst nicht dezidiert als Kirchenkomponist sah, durch sein Wirken als Titularorganist an der Église de la Saint-Trinité ließen sich die Ausschnitte aus dem »Livre du Saint Sacrement«, wiewohl diesem ein religiöser Gedanke zugrunde liegt, leichter als Geschichtsbeschreibungen auffassen. Sein Spätwerk offenbart eine ungeheure Spannweite an Klanglichkeit und Stimmungen, das von kleinen, ornamenthaften Elementen bis zu geräuschhaften Passagen mit grellen Blitzen reicht. Messiaen hatte diesen Effekt durchaus beabsichtig (nach Thomas von Aquins Ausspruch »Gott blendet uns durch ein Übermaß an Wahrheit«).

»Puer natus est nobis« (Ein Kind ist uns geboren) läßt Messiaen aus Tönen, die jeder für sich individuell tatkräftig klingen, wachsen und führt sie in eine Metamorphose über, die sich unter Karol Mossakowskis Händen und Füßen in den Teilen »Les ténèbres« (Die Finsternis), »La Résurrection du Christ« (Die Auferstehung Christi) und »L’apparition du Christ ressuscité à Marie-Madeleine« (Christus erscheint Maria Magdalena) noch stärker zeigte. Der Komponist arbeitet nicht vordergründig motivisch, sondern nutzte verschiedene Ebenen der Struktur, auch die Orgel als geräuschhaften Klanghintergrund, der allein wie ein Urlaut klang.

Solche mitunter anrührende, dann wieder erschütternde Musik derart konzentriert und fokussiert zu hören, glich einer musikalischen Offenbarung und unterstrich, zu welcher Atmosphäre Orgel und Saal geführt werden können.

Karol Mossakowski schaffte dies nicht mit Verblüffungseffekten, sondern durch einen konzisen, schnörkellosen, ganz dem Programm hingegebenen Vortrag. Und zwischendrin sorgten Johann Sebastian Bachs Praeludium und Fuge C-Dur (BWV 545) und später seine Passacaglia (BWV 582) für kontemplatives Innehalten – da war wieder Bach ganz Bach, auch außerhalb der Kirche.

10. September 2021, Wolfram Quellmalz

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