Per aspera ad astra – durch Nacht zum Licht

Friedhelm Flamme im Dresdner Orgelzyklus an der Kreuzkirche

»Licht« ist neben »Farbe« nicht nur eines der meistgebrauchten (und naheliegendsten) Attribute, um Musik oder Assoziationen über Musik zu beschreiben, es liegt einer Komposition oft auch als Programm zugrunde – ob direkt als Erleuchtung, als Metapher für Aufklärung, für Gesundheit (bzw. das Überwinden einer Krankheit) oder schlicht als Ziel (wohin man strebt) bzw. als Stimmung.

Friedhelm Flamme, KMD der Hannoverschen Landeskirche und Oberstudienrat an der Paul-Gerhardt-Schule Dassel, verriet im »Gespräch unter der Stehlampe« mit Kreuzorganist Holger Gehring vorab, daß ihn ganz besonders ein Stück für die Orgel begeistert habe, das er als Kind durch seine Mutter kennenlernte: Johann Sebastian Bachs Toccata d-Moll. Zunächst habe er damals die Noten für sein Klavier erworben – doch das waren die einer anderen Toccata (es gibt mehrere d-Moll-Toccaten bei Bach, wie BWV 565 und 538). Mit den richtigen Noten stellte sich jedoch heraus: auf dem Klavier geht das gar nicht, da fehlen die Pedale! Die Kantorin, die er ansprach, um das Stück auf der Orgel zu erlernen, legte es zunächst beiseite – eineinhalb Jahre später konnte Friedhelm Flamme jedoch nicht nur die Toccata, sondern auch die zugehörige Fuge auf der Orgel spielen. Die meisten Organisten beginnen in jungen Jahren, helfen mit 14 … 15 … 16 mitunter schon im Gottesdienst aus. Heute lassen sich Jugendliche jedoch zuerst eher von der Technik und dem imposanten Aufbau einer Orgel begeistern, als daß sie gleich der Klang gefangennähme.

Soviel nur nebenbei – das »Gespräch unter den Stehlampe« (pandemiebedingt findet es momentan noch im Altarraum »neben« der Stehlampe statt) erweist sich meist als interessante, mitunter vergnüglich-unterhaltsame Einführung, die mehr bietet als der Programmhefttext.

Für sein Konzert im Rahmen des Dresdner Orgelzyklus‘ am Mittwochabend in der Kreuzkirche hatte Friedhelm Flamme Stücke zusammengetragen, welche das Licht direkt oder indirekt – assoziativ oder interpretierbar – in sich trugen. Diet(e)rich Buxtehudes Praeludium in C erwies sich dabei nicht nur als schöne, sondern gleichermaßen als erhellende Einleitung. Die Fuge fehlte hier nicht (oder wurde den Konzertbesuchern auch nicht vorenthalten), sie ist in einem fugierten Mittelteil bereits inbegriffen.

Mit Johann Adam Reincken zeigte sich die Universalität der Jehmlich-Orgel, welche mannigfaltig klingen kann. Außer romantisch oder sinfonisch beherrscht sie unter anderem die »Alte Art«. Friedhelm Flamme hatte nun Register ausgewählt, die eher an die Holzpfeifen einer kleinen Kirchenorgel erinnerten als an ein so großes Instrument. Reinckens Choralphantasie »An den Wasserflüssen Babylon« ist ein filigranes Erzählstück, das weniger mit Stimmung und Farbe prunkt als mit Verlauf und Variation. Wer diesem Pfad folgte, konnte sich unter anderem durch die Motive von Wasserkaskaden erquicken lassen. Reincken führt seine Zuhörer ans Licht bzw. nach »oben«, in dem er das Werk aufhellt, auf starke Effekte wie ein betonendes Crescendo jedoch verzichtet.

Die interessantesten Stücke waren diesmal vielleicht die beiden zeitgenössischen. »Zeitgenössisch« greift diesmal nicht zu weit zurück – sowohl Walter Steffens Passacaglia (Schlußsatz über »Stark wie der Tod ist die Liebe«) aus der Orgelsinfonie »Le Cantique des Cantiques« wie auch Martin Christoph Redels Chiaroscuro – Passagen für Orgel sind im 21. Jahrhundert (und auf Bitte Friedhelm Flammes) entstanden, die Chiaroscuro gerade erst im vergangenen Jahr.

Walter Steffens Passacaglia trägt Mehrfachbezüge (auch zur Bildenden Kunst) in sich und läßt die Passacaglia nach einem Anfangsmotiv zunächst im Baß wachsen, nach einem komplexeren Mittelteil durchbricht sie die Überlagerungen und kehrt (ans Licht) in der Oberstimmen wieder, als trage sie einen Sieg (oder zumindest Erfolg) davon.

Im direkten Vergleich schien zumindest die erste von vier Choralbearbeitungen Johann Sebastian Bachs danach (»Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ, BWV 639) im Charakter etwas »untergewichtig« einer kindlich-naiven Religiosität zu entsprechen. In der zweiten (»In dich hab ich gehoffet, Herr«, BWV 640) ließ sich aber bereits ein musikalisches Ideal der Schönheit wiederfinden, während die letzte (»Christe, der du bist Tag und Licht«, BWV 1096) den Lichtcharakter deutlich zeigte und nicht nur im Text trug.

Mit Martin Christoph Redels Chiaroscuro – Passagen für Orgel kam danach ein Werk zur Aufführung, das für viele vielleicht einen (nicht wenig) experimentellen Charakter hatte. Beindruckend war hier vor allem der Kontrast von Dunkl und Helligkeit, wobei Redel die dunkle, dichte, beinahe materiell scheinende Stimmung mit Lichtreflexen (oder -wirbeln) durchbricht. Ein eindimensionaler Weg ans Licht ist es allerdings nicht, sondern ein wechselnder, vielschichtiger, der immer wieder von Baßfiguren geprägt wurde – der Weg ans Licht will errungen werden.

Im romantischen Gestus Richard Bartmuß‘ widerfährt einem das Licht weder zufällig noch ist es einfach gegeben, doch rührt es in seinem Gebet F-Dur von einer inneren Hinwendung her. Wie eine kleine Überraschung fügte sich die Toccata c-Moll aus dem gleichen Opus (jedoch kein streng geschlossenes Werk, sondern fünf Charakterstücke) an. Ausgesprochen feingliedrig erreicht sie die Lichtsphären vor allem durch den antreibenden Puls ihres Rhythmus‘.

28. Oktober 2021, Wolfram Quellmalz

Nächstes Konzert im Dresdner Orgelzyklus: Mittwoch, 3. November, Frauenkirchenorganist Samuel Kummer spielt an der Kern-Orgel der Frauenkirche Werke von Michael Praetorius, Jan Pieterszoon Sweelinck und Johann Sebastian Bach sowie eigene Kompositionen. Eine Woche später ist Olivier Latry, Titularorganist von Notre Dame de Paris, im Kulturpalast zu erleben. Im nächsten Orgelkonzert der Kreuzkirche ist der ehemalige Dresdner Domorganist Johannes Trümpler Werke vor seinem Konzert (19:19 Uhr) zum »Gespräch unter der Stehlampe« geladen.

Weitere Informationen unter:

http://www.frauenkirche-dresden.de/kalender/

http://www.dresdnerphilharmonie.de/konzerte#

http://www.kreuzkirche-dresden.de/veranstaltungen/veranstaltungskalender/

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