Sebastian Knebel spielte den »Dritter Theil der Clavier Übung«

Offenes Palais unterwegs zu Gast in der Kirche Dresden Loschwitz

Bei »Klavierübung« nur an Tonleitern und Übungen für Anfänger oder an die Étuden Carl Czernys zu denken, griffe bei weitem zu kurz. Ohnehin wäre es Czerny wert, als Komponist entdeckt zu werden – nicht allein in diesem Punkt hat Johann Sebastian Bach ihm gegenüber klar einen Vorteil. »Übungen« wie »Schulen« waren dazumal an »Kenner und Liebhaber« gerichtet und sind noch heute höchst beliebt. Nicht nur, wenn es um Vater Bach geht, sondern auch die Werke seines Sohnes Carl Philipp Emanuel oder Leopold Mozarts betreffend. Für den Cembalisten und Organisten Sebastian Knebel stehen die »Clavier-Übungen« Bachs in einer Reihe mit der h-Moll-Messe oder der Matthäuspassion. Den dritten Teil daraus gab es am Sonnabend gleich zweimal (nachmittags und abends) an der Wegscheider-Orgel in der Loschwitzer Kirche zu erleben, wo die Reihe Offenes Palais in ihrer bereits 230. Veranstaltung unterwegs war und mit der Dresdner Hofmusik e. V. kooperierte.

Die göttliche Zahl 3, so erklärte Sebastian Knebel vorab, durchziehe das Werk und gleich mehrfach und kehre in Dreiteiligkeit ebenso wieder wie in der Anzahl der Vorzeichen. Allerdings sei die »Übung« für ein Konzert auch sehr groß, weshalb er sich entschieden hatte, ein paar Kürzungen vorzunehmen, dabei jedoch bemüht war, den Charakter zu erhalten. Ohnehin gibt es einzelne Stücke Bachs, die allein schon einen ganzen Kosmos zu umschließen scheinen, wie das Praeludium et Fuga à 5 BWV 552, deren beide Teile den musikalischen Nachmittag beherzt und unverzagt einschloß.

Den Messeteil mit Kyrie, Christe und Gloria (BWV 669 bis 677) ließ Sebastian Knebel unangetastet, hatte den folgenden der Choralbearbeitungen jedoch gekürzt. Spieltechnisch wie im Charakter (und in der Aussage) blieben sie aber abwechslungsreich zwischen Stücken, mal auf den Manualen allein, dann wieder mit kräftigem Baß. Die ursprüngliche(n) Singstimme(n) brachte Sebastian Knebel um so wirkungsvoller zur Geltung. Während »Dieß sind die heiligen zehn Geboth« (BWV 678) nicht allein verkündet wurde, sondern eine fast schmeichelnde Annäherung bot, war das folgende »Wir glauben all an einen Gott« (BWV 680) von leuchtender Chromatik durchzogen und mit geschärften Konturen von Unbeirrbarkeit geprägt. »Vater unser im Himmelsreich« (BWV 682) dagegen schimmerte in dunkler Innigkeit geradezu magisch. Besonders in solchen eher unspektakulären Bezügen offenbarte sich eine große fundamentale Kraft, sozusagen musikalische Nachhaltigkeit.

Wie tief die »Clavier-Übung« zielt – und hier bestätigte sich Sebastian Knebels Vergleich mit Werken wie der h-Moll-Messe, zeigten immer wieder schon einzelne Ausschnitte eindrucksvoll, wie »Aus tieffer Noth schrey ich zu dir« (BWV 686), bei dem der Hilfeschrei mit purer Kraft, ja lebensspendende Wucht verbunden ist.

Die gute, reichliche Stunde wurde für Kenner und Liebhaber eine Fundgrube, in der man textuellen Bezügen nachspüren, sich vom verfeinerten Spiel begeistern, der sinnlich-bodenständigen »Herzlinie« des Basses oder aber den choralen und fugierten Verschlingungen à 2, 3 … 5 folgen konnte.

6. März 2022, Wolfram Quellmalz

In der 231. Veranstaltung feiert das Offene Palais am 25. März 2022 (Festsaal des Palais Großer Garten, 14:30 und 19:30 Uhr) ein »Theatralisches Musen-Fest« in Ausschnitten (Werke von Johann Christoph Schmidt). Im April folgt Johann Sebastian Bachs »Musikalisches Opfer«. Weitere Informationen unter: offenespalais.wordpress.com

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