Perspektiven in Zukunft und Vergangenheit

Mittelsächsische Philharmonie beginnt Konzertsaison mit neuem GMD

Am Donnerstag (Freiberg) und Freitag (Döbeln) begannen am Mittelsächsischen Theater die Sinfoniekonzerte der aktuellen Spielzeit. Der neue GMD Attilio Tomasello gab dem Abend das Motto »Perspektiven« – damit war der Ausblick in die Zukunft mit ihm ebenso gemeint wie ein dezidierter Rückblick auf Komponisten oder Werke der Vergangenheit. Sie sollen auch künftig in thematischen Schwerpunkten präsentiert werden. Die drei Werke des ersten Sinfoniekonzerts – allesamt sinfonische Stücke, kein Solistenkonzert – waren binnen weniger Jahre entstanden und unterlagen gleichen, ähnlichen, teils vielleicht gemeinsamen Einflüssen.

1. Sinfoniekonzert der Mittelsächsischen Philharmonie in der Nikolaikirche Freiberg, Photo: Mittelsächsisches Theater, © Janine Haupt

Mit Ernest Chaussons »Soir de Fête« (Festabend) hatte Attilio Tomasello ein von ihm besonders geschätztes Werk an den Anfang des Spielplans gesetzt, welches die Perspektiven (in beide Richtungen) in sich trug. Schließlich hatte Chausson bei Massenet und Franck studiert, sich für Wagner interessiert, gleichzeitig markiert seine Musik aber auch einen Wendepunkt zwischen Romantik und Moderne. Sein Opus 32 beginnt sinfonisch, erwies sich aber spätestens im Mittelteil als Poème. Attilio Tomasello bündelte die Kräfte der diesmal riesigen Mittelsächsischen Philharmonie, arbeitete Feinheiten sauber heraus und hielt die Balance zwischen dichtem, schwunghaften Anfang und Ende (die bereits an Dvořák erinnerten) sowie dem fast lyrischem Mittelteil. Der Applaus fiel zunächst anerkennend, aber noch verhalten aus.

Die Fähigkeit zur Balance kam noch stärker Igor Strawinskys Ballettsuite »Der Feuervogel« zugute, die neben Schlagwerk und Harfe auch einem Klavier und einer Celesta bedarf. Das Stück kündet vom Handlungsverlauf (des Balletts), kehrt aber ebenso Strawinskys schlanke Kantilenen oder kammermusikalische Gruppen der Holzbläser heraus. Violoncelli (an diesem Abend besonders oft führend oder auf angenehme Weise vordergründig das Timbre bestimmend) und Kontrabässe (sie blieben Pulsgeber) begannen die Suite dunkel, die sich aber bald lichtete und verschiedene Szenen und Figuren ausspann. Auch bei Strawinsky läßt sich mit einem Flageolett der Violinen oder Anklängen an amerikanischen Jazz der Widerhall der Moderne nicht verleugnen, ebensowenig wie sein Temperament, welches die Mittelsächsische Philharmonie spätestens mit dem »Höllentanz des Kaschtschei« entfesselte. Bei so viel Aufregung oder »musikalischem Tumult« (im positiven Sinne) beeindruckte die differenzierte Führung von Attilio Tomasello.

Mit der Sinfonie »Aus der neuen Welt« von Antonín Dvořák gewann der neue GMD spätestens sein Publikum, das schließlich ausgelassen applaudierte und jubelte. Die Bläser (erneut auch kammermusikalisch im Trio oder Quartett), vor allem die Horngruppe, formten die volkstümliche Sinfonik des Komponisten, die von ganz unterschiedlichen Einflüssen (amerikanische und böhmische) zehrt, golden aus. Differenziert blieb nicht nur die Balance zwischen den Stimmen, sondern ebenso die Tempowahl – Attilio Tomasello bescherte dem Werk damit ein gutes Stück lebendiger Dynamik. Sein Dirigat – oft mit sehr klarem, direktem Fingerzeig – war energisch genug, durch die großangelegten Stücke zu lotsen. Daß dabei nicht nur der »große Bogen« entstand, sondern die Aufmerksamkeit für Details geschärft wurde, macht für die Zukunft zuversichtlich.

21. Oktober 2022, Wolfram Quellmalz

Das nächstes Konzert »Musikmetropolen – Paris um 1900«, am 10. (Nikolaikirche Freiberg) und 11. November (Theater Döbeln) dirigiert Marco Zambelli. Mehr unter: http://www.mittelsaechsisches-theater.de

Der neue GMD

Mit Attilio Tomasello hat am Mittelsächsischen Theater ein erfahrener Opern- und Ballettdirigent das Zepter übernommen, der nicht nur in vielen Sparten, sondern auch Zeiten – von Mozart bis in die Moderne – »zu Hause« ist. In Alessandria (Italien) geboren, war er als Kapellmeister, Chefdirigent oder Gast unter anderem an den Opernhäusern von Palermo, Mannheim und St. Gallen tätig. Die Deutsche Oper Berlin engagierte ihn als Stellvertretenden GMD, weitere Gastdirigate führten ihn auch in unsere Region, nach Cottbus, Halle und Chemnitz.

Ob (und wie) er sich am Mittelsächsischen Theater auch der zeitgenössischen Musik mit elektronischen Instrumenten nähern wird, bleibt zunächst offen. Die Schwerpunkte der ersten Spielzeit liegen vor allem bei Klassikern wie Mozart und Beethoven (sowie deren Zeitgenossen Johann Nepomuk Hummel) sowie bei Romantikern wie Carl Maria von Weber und Richard Wagner. Darüber hinaus macht die Mittelsächsische Philharmonie aber auch immer wieder auf Werke des 20. Jahrhunderts aufmerksam. In Opernproduktionen ist Attilio Tomasello unter anderem in »Die lustigen Weiber von Windsor« zu erleben sowie in »Rigoletto« (Premiere im kommenden Frühjahr).

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