(Fast) letzter auswärtiger Gast des Jahres

Matthias Dreißig (Erfurt) als letzter Gastspieler des Jahres beim Dresdner Orgelzyklus

Bevor die hauptamtlichen Dresdner Organisten und Kantoren der drei großen Innenstadtkirchen die abschließenden Termine des Dresdner Orgelzyklus‘ übernehmen und den Ausklang gestalten, war als letzter Auswärtiger Gast am gestrigen Mittwoch Matthias Dreißig, Organist der Predigerkirche Erfurt, in der Kreuzkirche zu erleben. Vor dem Konzert gab es dort wie immer das »Gespräch unter der Stehlampe«, zu dem Kreuzorganist Holger Gehring den Kollegen eingeladen hatte. Diesmal ging es unter anderem darum, wie die Ausbildung von Kirchenmusikern in der DDR organisiert war und wie man damals an Noten kam – Matthias Dreißig ist ein durch und durch mitteldeutscher Kirchenmusiker und erhielt vor der Wende eine wesentliche Prägung, erlebte mit, wie Organisten bzw. Kirchenmusiker, weil der Begriff »Kirche« in einer staatlichen Ausbildungsstätte nicht erwünscht war, der Abteilung »Tasteninstrumenten« untergeordnet wurden. Auch die »Notenlage« bzw. -beschaffung war nicht ohne Probleme, über die regional verankerte und erhaltene Literatur hinaus gab es manche Fehlstellen. Französisches Repertoire beispielsweise war mit Ausnahme César Francks praktisch nicht zu bekommen, dafür tschechische oder russische (sowjetische?) sowie andere osteuropäische Orgelliteratur.

Matthias Dreißig, Photo: Kirchenmusik Erfurt

In Weimar, Halle oder Erfurt, wo Matthias Dreißig spielte und unterrichtete, gab es dennoch keinen Mangel an Quellen, schließlich war Mitteldeutschland ein einzigartiges Musikzentrum. Vermutlich, so Matthias Dreißig im Gespräch, habe die Familie Bach, die ja – weitverzweigt – in ganz Thüringen tätig war, für einen unvergleichlichen »Humus« gesorgt, auf dem viel gedeihen konnte. Allein in der Predigerkirche Erfurt wirkten unter anderem Johann Pachelbel, Johann Heinrich Buttstett, Jakob Adlung, Johann Christian Kittel und andere.

Das Œuvre, aus dem Matthias Dreißig schöpfen konnte, ist also trotz mancher Beschränkung enorm. Sein mitteldeutsch geprägtes Programm begann bei Felix Mendelssohn, der durch die Röthaer Silbermannorgel inspiriert worden war, und reichte über Max Reger hinaus. Dessen Wege führten unter anderem nach Sondershausen, Leipzig und Meiningen, Matthias Dreißig attestiert ihm sogar, der bedeutendste deutsche Komponist für die Orgel nach Johann Sebastian Bach zu sein. Man mag daran zweifeln und zunächst staunen, neben Mendelssohn fallen Liszt, Bruckner, Rheinberger ein, Sigfrid Karg-Ehlert und später Hugo Distler, indes – Regers Orgelwerke sind in der Tat ein unübersehbarer Meilenstein und ragen aus seinem Schaffen (wie die Chorwerke) besonders heraus.

Die »Landschaft«, von der das Konzert berichtete, war ohnehin mannigfaltig. Manches, wie Mendelssohns fanfarenartiger Beginn von Präludium und Fuge c-Moll (Opus 37, Nr. 1), Johann Sebastian Bachs Präludium und Fuge c-Moll (BWV 546) oder August Gottfried Ritters Sonate d-Moll (Opus 11) begannen recht forsch, kraftvoll – bei Ritter verloren sich diese Akkorde jedoch bald.

Auf- oder durchatmen konnte man spätestens zwischendurch, bei Johann Gottfried Walthers Choralbearbeitung »Ein feste Burg ist unser Gott« oder Johann Pachelbels Choralbearbeitung »Vater unser im Himmelreich« – hier wurzelte die mitteldeutsche Tradition nicht nur tief, sie zeigte sich noch in solch gesanglichen, dem Choral bzw. Kirchenlied nahen Stücken von verschiedenen Facetten – »Ein feste Burg ist unser Gott« strahlte kurz nach dem Reformationsfest noch einmal zuversichtlich nach.

Schön ist es immer, in thematisch verankerten Programmen neben »folgerichtigen« Werken auch Stücke zu finden, die »Ausflüge« gleichen. Unter all den vielen Vertretern der Familie Bach ist Johann Christoph Bach (1642-1703, auch Johann Christoph Bach I, ein Großonkel von Johann Sebastian) ein selten gehörter. Präludium und Fuge Es-Dur ist gar die einzige freie Orgelkomposition, welche von ihm überliefert ist.

Und wie »mitteldeutsch« ist der Oberpfälzer Max Reger wirklich? Wer im Intermezzo und Basso ostinato aus der Suite g-Moll Opus 92 französische Klänge zu hören meinte, kam da wohl ins Grübeln. Doch nicht immer läßt die stimmungsvolle Farbigkeit zielsicher auf eine Prägung unserer westlichen Nachbarn schließen – August Gottfried Ritter bewies am Schluß in den Andante-Sätzen, daß solches ebenso im mitteldeutschen Raum verankert war.

3. November 2022, Wolfram Quellmalz

Die letzten Konzerte des Orgelzyklus‘ liegen wieder in eigener Hand: am kommenden Mittwoch (9. November) spielt Kreuzorganist Holger Gehring »auswärts« an der Silbermannorgel der Katholischen Hofkirche (Kathedrale), eine Woche widmet sich Frauenkirchenkantor Matthias Grünert auf Harmonium und Orgel noch einmal dem Jubilar César Franck, bevor sich Domorganist Sebastian Freitag am 23. November in der Hofkirche Werke von Louis-Nicolas Clérambault, Johann Sebastian Bach und Josef Gabriel Rheinberger vornimmt. Der Abschluß ist wie immer besonders: am 30. November, also bereits in der Adventszeit, begleitet Kreuzorganist Holger Gehring in der Kreuzkirche den Handglockenchor Gotha (oder umgekehrt).

Alle Termine und Programme incl. Gesprächen unter:

http://www.bistum-dresden-meissen.de/wir-sind/kathedrale/musik-an-der-kathedrale/musik-an-der-kathedrale

http://www.frauenkirche-dresden.de/kalender

http://www.kreuzkirche-dresden.de/veranstaltungen/veranstaltungskalender/

Auf der Programmseite des letzten Orgelkonzertes ist ein Beispiel für August Gottfried Ritters Sonate zu finden (Video): https://www.kreuzkirche-dresden.de/veranstaltungen/veranstaltung/dresdner-orgelzyklus-77.html

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