Abschiede

Dresdner Philharmonie würdigt zum Spielzeitende gleich vier Komponisten

Abschiedsstimmung kam am Sonnabend im Dresdner Kulturpalast glücklicherweise nicht auf. »Klänge des Abschieds« bezog sich zwar auf letzte Werke von Komponisten, man konnte aber ebenso den Spielzeitausklang damit assoziieren. Und Neuentdeckungen dabei machen – zwei der vier Werke des Abends erklangen erstmals bei der Dresdner Philharmonie.

Zum Beispiel Maurice Ravels »Don Quichotte à Dulcinée« nach Gedichten von Paul Morand. Ursprünglich als Filmmusik geplant (aber nicht rechtzeitig fertiggestellt), schuf der Komponist schließlich drei Orchesterlieder, »Chanson romanesque«, »Chanson épique« und »Chanson à boire« in denen sich der Ritter von der traurigen Gestalt höchst unterschiedlich zeigt. Seine Versprechen, die Erde stünde still, er würde die himmlischen Kataster zerreißen oder das All neu gestalten, hielt Ravel einen harmonischen Zerrspiegel vor. René Pape indes, der an diesem Abend Don Quichotte gab, fand zwischen Fahlheit, Mildheit und burleskem Tanz einen wandlungsfähigen Ritter, einen geschmeidigen und lustvollen Hallodri. Das verzückte nicht nur in den selten gehörten Werken, es begeisterte noch mehr im Kontrast zu Mahlers später im Programm folgenden Liedern, bei denen sich der Baß fast in die Musik zurückzuziehen schien.

Zuvor jedoch erklang Igor Strawinskys Symphonies d’instruments à vent. Ein Bläserstück, vor einhundert Jahren uraufgeführt, das jedoch – zunächst zumindest – wenig sinfonisch wirkt. Anders als Ravel, der den Text einmal dissonant nachfärbte, »quietscht« Strawinsky ganz bewußt, gewollt und vordergründig. Schnell offenbarte sich dabei ein humorvolles Element – weniger Bläsersinfonie als Windspiel ist dies, scheint wie zufällig und durcheinander. Strawinsky, der harmonische Umstürzler, bis schließlich die Horngruppe eine Abenddämmerung verkündet und sich alles ineinanderfügt. Dirigent Sebastian Weigle bedankte sich per Ellbogen bei Undine Röhner-Stolle (Oboe), die im Orchester ohne Streicher temporär zur Konzertmeisterin geworden war, für die präzise Widergabe.

Den äußerst tragfähigen Mittelpunkt des Abends gab es mit Gustav Mahlers zwei Gesängen für Baß und Orchester nach Texten von Friedrich Rückert. »Um Mitternacht« und (noch einmal ohne Streicher) »Ich bin der Welt abhanden gekommen« führte in schattige Beklommenheit, fühlbar noch selbst in leisesten Tönen – hier zeigte sich, wozu Solist und Orchester fähig waren. Der Abschied, das Abhandenkommen, das »stille Gebiet« – man könnte die Stille der vergangenen Monate hier entdecken. Doch heißt »Abschied« nicht »Ende«: Auf das fallende Motiv der Oboe erwidert die Klarinette (Fabian Dirr) eine Aufhellung – es ist kein Abschied für immer.

Zweite Neuerung oder Erstmaligkeit des Abends war das Sinfonische Fragment D-Dur (D 936A) von Franz Schubert. Freilich sind solche Rekonstruktionsversuche (in diesem Fall von Brian Newbould) immer mit dem Makel behaftet, daß ihnen nicht die Welt, aber die Originalität abhanden kommt. Der Konzertbesucher vermag kaum zu sagen, wieviel Schubert er gehört hat und wieviel Newbould. Zumal Schubert in einem seiner letzten Werke wohl tatsächlich zu neuen Ufern aufbrach. Im zweiten Satz findet sich der Komponist vielleicht wirklich auf dem Weg zu Mahler, der erste und dritte blieb jedoch im Irgendwo – Schubert’scher Ideen und Konzepte? Schließlich knüpft der Bearbeiter mit dem Wissen von heute und nicht beim »Status Schubert« mit seiner Arbeit an. Wenn sich also Mahler und Brahms (Scherzo) darin finden – wieviel gab Schubert vor, wieviel ist erst jetzt hinzugekommen?

18. Juli 2021, Wolfram Quellmalz

Die Dresdner Philharmonie schließt die Spielzeit in dieser Woche mit Franz Schuberts »Die schöne Müllerin« (Fassung mit Streichtrio) und der Stummfilmmusik zu »Die Abendteuer des Prinzen Achmed« ab. Weitere Informationen unter: http://www.dresdnerphilharmonie.de/

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