Mit Dirigent besser

Zürcher Kammerorchester und Christoph Eschenbach in der Dresdner Frauenkirche

Seit kurzem ist die Frauenkirche in den Kreis der Dresdner Konzertveranstalter zurückgekehrt und bietet, was ursprünglich im Jahresplan steht – keine gekürzten Fassungen mehr, sondern zwei Stunden Musik – traumhaft! Damit möglichst viel Besucher ins Haus können, hieß es aber Maske tragen. Die kleine Unbequemlichkeit nahmen viele auf sich, die Frauenkirche war wieder einmal bis zur obersten Empore besetzt.

Zu Gast war das Zürcher Kammerorchester, jenes Ensemble, einst in den Händen von Sir Roger Norrington, dessen Leiter seit 2016 Daniel Hope ist. Als Artist Director der Frauenkirche trat er am Freitag in Personalunion auf, dreifach sogar, noch dazu als Solist. Johann Sebastian Bachs Brandenburgisches Konzert Nr. 5 (BWV 1050) schien unter seiner Führung allerdings noch ein wenig gehetzt. Nicht an sich zu schnell, verschwammen jedoch die Akzente in der Raumakustik. Gleiches galt für die Begrüßung und Moderation von Daniel Hope via Mikrophon – war sie überhaupt nötig? Verstehen konnte man ihn nur schlecht.

Um so schöner, wenn dann wieder musiziert wurde. Solist Stathis Karapanos hatte sich für Carl Philipp Emanuel Bachs Concerto A-Dur (Wq 168, H 438) ein Entrée einfallen lassen und präludierte (nach einer Kadenz des dritten Satzes) ins Kirchenschiff kommend auf der Flöte. Somit war das Soloinstrument sogleich vorgestellt – normalerweise gibt es diesen Vorsatz nicht, weshalb man bei Aufnahmen zunächst raten kann, was nun kommen würde – ebensooft wie die Flöte wird das Konzert nämlich auf dem Cello gespielt. Für das Cello bzw. noch zuvor (laut Ludger Rémy) für ein Tasteninstrument war es nämlich geschrieben, woraus sich für den Flötisten manche spielerische Unbequemlichkeit ergibt. Für Stathis Karapanos war dies jedoch keine Hürde. Mit dynamisch markanten, hervorgehobenen Obertönen (von Naoki Kitaya am Cembalo erwidert) und manchen (wenngleich übertrieben) sehr leisen Passagen fand er eine eigene, ansprechende Interpretation. Das Orchester verfügte nun über jene Prägnanz, die es zuvor noch missen ließ.

Vielleicht lag es daran, daß Christoph Eschenbach die Leitung übernommen hatte? Sein Dirigieren lief oft in eine öffnende Geste, die über die momentan gültige musikalische Anweisung hinaus auch einen grundsätzlichen Charakter kennzeichnete – das Largo con sordino, mesto geriet mit betörender Schönheit in die Nähe eines Sicilianos mit einem weniger herausgestellten Solisten, der nun innig vom Orchester umschlossen war.

Über Wolfgang Amadé Mozart steuerte der Abend auf einen Höhepunkt zu – Joseph Haydn. Zunächst trat der zuvor ans Konzertmeisterpult gerückte Daniel Hope in Mozarts Violinkonzert G-Dur als Solist auf. Hope spielte mit süßer Kantilene, Christoph Eschenbach putzte die Soli der hinzugekommenen Hörner und Oboen heraus.

Noch mehr solcher Freuden bereitete Eschenbach in Haydns 49. Sinfonie. Irgendwann erhielt sie (nicht vom Komponisten) den Beinamen »La passione« (die Leidenschaftliche), man konnte gut nachvollziehen, weshalb: zwischen träumerisch, tragisch, triumphierend und feurig fand das Zürcher Kammerorchester blühende, leidenschaftliche Farben und erntete entsprechenden Jubel – mit einem kaum weniger leidenschaftliche Allegro con spirito aus Mozarts Sinfonie Nr. 29 setzten sie noch eins drauf. Auf das Wiederhören darf man sich heute schon freuen.

24. Juli 2021, Wolfram Quellmalz

Am kommenden Freitag lädt die Frauenkirche 21:21 Uhr zur Nachtschwärmer-Meditation ein. Weitere Informationen unter: http://www.frauenkirche-dresden.de

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